Chefredakteur dispo

Kommentar

Darf man aus Flucht eine Logistik-Story ableiten?

Darf man die Flüchtlingsbewegung von 2015 zum Anlass nehmen, eine Logistik-Geschichte zu entwickeln? Oder ist das zynisch? Drei Überlegungen, warum ich mich – auch nach Gesprächen mit Freunden und Kollegen – dazu entschlossen habe, die Geschichte in dispo zu veröffentlichen.

Meinung

1. Die Situation vom Herbst 2015 war eine sehr spezifische, doch die Schlussfolgerungen der Autoren sind verallgemeinerbar. Die „virale Crowd-Logistik“, die sich damals an der österreichischen Grenze entwickelt hat, ist eine gute Blaupause für alle denkbaren Situationen, in denen viele Nicht-Fachleute logistische Hilfe leisten wollen. Dies ist keine Geschichte über Flucht, sondern eine über Logistik.

2. Es ist gute und sinnvolle Tradition, dass sich Fachmedien nicht politisch positionieren. Dass die Themen Flucht und Migration seit mehreren Jahren die Politik in ganz Europa maßgeblich beeinflusst haben, ist nicht zu leugnen. Deshalb einen großen Bogen darum zu machen und die Schere im Kopf zu akzeptieren, erscheint mir aber feig. Dies ist keine Geschichte über Politik, sondern eine über Logistik.

3. Am 27. August 2015 wurden in einem auf einer österreichischen Autobahn abgestellten Kühllaster 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder gefunden, die tags zuvor unter unsäglichen Umständen erstickt waren. Noch am gleichen Tag brachte ein deutsches Logistik-Portal die entsprechende Agenturmeldung als News in der Rubrik „Transport + Logistik“. So steht sie bis heute online. Angesichts dessen habe ich beschlossen, meine Definition von Zynismus zu rekalibrieren. Dies ist keine zynische Geschichte, sondern eine über Logistik. Und über Menschlichkeit.

White Paper zum Thema

Nachtrag: Ich wurde gefragt, warum diese Geschichte gerade jetzt erscheint. Immerhin liegen die Geschehnisse bereits dreieinhalb Jahre in der Vergangenheit. Darauf zwei Antworten:

1. Die Geschichte hat uns – ganz banal – nicht wesentlich früher erreicht.

2. Angesichts dessen, was aus der Flucht- und Migrations-Thematik mittlerweile geworden ist, verschwindet das, was im Herbst 2015 an den österreichischen Grenzen geschehen ist, längst im Nebel. Das mag man begrüßen oder bedauern – nicht verschwinden soll aber eine Erkenntnis, die man aus dieser Sondersituation ziehen kann: Dass Social Media im Kontext mit Logistik Erstaunliches leisten können.