Logistik Dialog 2019

„Digitalisierung wird zu mehr Wohlstand führen“

Wie gehen wir mit der Digitalisierung um? Und ist Europa hier überhaupt noch ein Player? Roman Stiftner, Präsident der BVL Österreich, über die Schwerpunkte des Logistik Dialogs im April.

Von
Transportlogistik Intralogistik BVL Digitalisierung Roman Stiftner

dispo: Herr Stiftner, Sie stellen „Digitale Effektivität“ als Motto über den Logistik Dialog der BVL im April. Was meinen Sie denn damit?

Roman Stiftner: Über Digitalisierung sprechen alle, aber jeder scheint darunter etwas anderes zu verstehen. Das Thema ist ja nicht neu, Digitalisierung findet seit den 1980er-Jahren statt. Der exorbitante Anstieg der Rechenleistung bei gleichzeitiger Preisdegression führt aber dazu, dass nun eine effektive Verbindung der analogen mit der digitalen Welt möglich ist. Wir haben heute eine Unmenge an Daten, und die müssen wir intelligent nutzen. Darauf wollen wir das Thema herunterbrechen: auf seinen unmittelbaren Nutzen.

Und wo sehen Sie den speziell?

Stiftner: Wir werden uns beim Logistik Dialog auf drei Bereiche konzentrieren. Einerseits auf Artificial Intelligence und IoT. Ich habe im Herbst China besucht – und was dort bereits Realität ist, ist faszinierend und erschreckend zugleich. Über das Ausmaß der Gesichtserkennung und ihren Einsatz wird ja weltweit medial berichtet. Weniger jedoch über das Zahlungsverhalten: In China wird bereits fast ausschließlich über das Handy bezahlt. Was natürlich jenen, die die Daten besitzen, einen enormen Wissensvorsprung gibt. Wir sehen heute auf der Welt ein sehr hohes Maß an Bereitschaft, Daten zur Verfügung zu stellen. Selbstverständlich muss man über den Umgang damit intensiv diskutieren. Doch die Logistik ist per se eine vernetzte Branche, und sie kann solche Daten sehr sinnvoll einsetzen.

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Unser zweiter Schwerpunkt wird auf dem Bereich Climate Change liegen.

Hier gilt die Logistik ja eher als Verursacher.

Stiftner: Die Logistik kann aber ein wesentlicher Teil der Lösung sein! Nur ein Beispiel: Wenn wir über Zweitverwertung oder über Recycling sprechen – und die Kreislaufwirtschaft steht in der Europäischen Union immerhin in Gesetzeskraft –, dann braucht es Rückflüsse, und das ist ein Logistikthema. Oder denken Sie an die Letzte Meile: Wir sind uns wohl einig, dass deren Effektivität im Moment noch überschaubar ist. Logistik kann ein zentraler Hebel gegen den Klimawandel sein. Deshalb ist mir ja unser Nachhaltigkeitspreis so ein Anliegen: weil er Unternehmen auszeichnet, die nachweisbar alle drei Säulen der Nachhaltigkeit bedienen. Dass Nachhaltigkeit auch finanzierbar sein muss, vergessen wir ja recht gerne.

Und Ihre dritte Stoßrichtung?

Stiftner: Home- und Healthcare Logistics. Wir werden immer älter, immer selbstbestimmter, und die Zahl der Singlehaushalte steigt. In meinen Augen ist hier längst ein wichtiges Geschäftsfeld für die Logistik entstanden. Das ist im Grunde ein Last-Mile-Thema, aber es geht auch um Überwachung – im positiven Sinne. Man denke etwa an die Möglichkeit, Körperfunktionen wie den Blutdruck kontinuierlich zu monitoren und im Ernstfall automatisch Alarm auszulösen.

Das Thema Digitalisierung weckt nicht nur Überwachungs-Ängste, sondern auch die Sorge um Jobs. Wie gehen Sie damit um?

Stiftner: Die Bedenken muss man wirklich ernst nehmen, es hat keinen Sinn, diese Ängste zu ignorieren. Wenn wir in die Wirtschaftsgeschichte blicken, sehen wir, dass infolge technologischen Wandels immer wieder Jobs verschwunden sind. Und natürlich haben sich die Menschen schon seit Epochen damit auseinandergesetzt, was das im Sinne der sozialen Verantwortung bedeutet. Andererseits: Rund ein Drittel der Jobs, die wir heute haben, gab es vor 25 Jahren noch nicht. Ich gebe aber zu: Man wird nicht jeden Menschen jeden Transformationsprozess bewerkstelligen lassen können. Es wird auch Digitalisierungs-Verlierer geben. Wir müssen versuchen, von Seiten des Staates und auch der Unternehmen dafür zu sorgen, dass die jungen Menschen ausreichend qualifiziert werden.

Digitalisierung einfach nicht stattfinden zu lassen, wird jedenfalls nicht funktionieren. Aber wir haben die Chance, die Zukunft selbstbewusst zu gestalten. Als Österreicher und als Europäer Player zu sein. In Summe ist die Digitalisierung ein extrem hoher Produktivitätsfortschritt. Und sie wird zu mehr Wohlstand führen.

Ist Europa überhaupt noch ein relevanter Player?

Stiftner: Aber natürlich, Europa ist ein riesiger und ein gesunder Markt. Ich kenne Brüssel sehr gut und damit auch vieles, das zu kritisieren ist. Aber bei allen Problemen gibt es immer noch eine starke gemeinsame Vision von Europa. Und wir sollten auch so selbstbewusst sein zu sagen: Alle wesentlichen Innovationen, die heute in der Welt existieren, sind von Europäern geschaffen worden.

Zitat, Stiftner © WEKA

Die Logistik gilt vielen als Indikatorbranche für die Weltwirtschaft. Nun geht es der Branche ziemlich gut, und dennoch sprechen viele von einem Abschwung.

Stiftner: Ich höre diese Stimmen auch, und manchmal fragt man sich schon, woher sie kommen. Ich sehe viele Statistiken, auch solche, die man nicht googeln kann, und ich kann nicht bestätigen, dass wir in einen Abschwung laufen. Richtig ist, dass die Steigerungsraten der vergangenen Jahre nicht mehr erreicht werden. Aber weniger Wachstum ist ja keine Rezession.

Dass etwa Handelskonflikte – ob real oder nur gespielt – zu Unsicherheit führen, ist klar. Hinzu kommen Überkapazitäten, hohe Verschuldung und gewisse Abschottungstendenzen in China, Schutzzoll-Ideen in den USA und nicht zuletzt der Brexit. Die Daten zeigen aber eine nach wie vor sehr solide Entwicklung, in Summe können wir meiner Meinung nach sehr optimistisch ins Jahr 2019 blicken. Wir müssen nicht jedes Jahr ein neues Rekordjahr erreichen.

Der Logistik Dialog 2019

Rund 700 Teilnehmer werden heuer beim Logistik Dialog der BVL Österreich – Motto: „Digitale Effektivität. Maximale Agilität.“ – erwartet. Vortragende sind unter anderem Logistik-Professorin Anne Lange, BMW-Logistiker Karl May, A1-Telekom-CEO Thomas Arnoldner, Verfassungsgerichtshof-Präsidentin Brigitte Bierlein, REWE-Logistikvorstand Christoph Matschke oder Flughafen-Wien-Vorstand Günther Ofner.

Einen Fokus richtet der Logistik Dialog heuer auf das Thema Ausbildung/War on Talents/Employer Branding. HR-Manager werden dazu Workshops anbieten.

Im Rahmen der zweitägigen Veranstaltung wird auch der Nachhaltigkeitspreis Logistik von BVL Österreich und BVL Deutschland vergeben.

Partnerland ist mit den Niederlanden 2019 eines der Logistik-Vorzeigeländer Europas.

35. Logistik Dialog 2019

11.–12. April 2019

Eventhotel Pyramide Wien-Vösendorf

Informationen: www.bvl.at

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