Interview

„Es geht um die Souveränität des Handelns“

Wie sollen Unternehmen auf die gigantischen Plattformen reagieren, die zunehmend auch ins B2B-Geschäft einsteigen? VNL-Obmann Franz Staberhofer über die Angst vor den Großen, mögliche Gegenmodelle, Mitarbeitermotivation – und die Notwendigkeit, Souveränität zurückzugewinnen.

Von
VNL Franz Staberhofer Events

dispo: Herr Staberhofer, wenn Sie das Thema des Österreichischen Logistik-Tages im Juni mit einem Begriff beschreiben müssten, dann wäre das?

Franz Staberhofer: Souveränität des Handelns.

Wo sehen Sie die denn gefährdet?

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Staberhofer: Ich habe zunehmend den Eindruck, dass verschiedene Einflüsse – nicht zuletzt Angst – dazu führen, dass manche Unternehmen wichtige Themen nicht ausreichend in Angriff nehmen. Das System befindet sich derzeit in einem eigenartig abwartenden Zustand. Um das zu ändern, braucht es Souveränität, und dazu wollen wir am Logistik-Tag motivieren.

Wo orten Sie denn Angst?

Staberhofer: In erster Linie vor den großen Plattformen wie Amazon oder Google. Die verbreitete Reaktion darauf ist ein beinahe schon eintöniges Verwenden von Vokabeln wie Künstliche Intelligenz oder Big Data. Das sind natürlich mächtige Tools, aber dahinter muss eine viel stärkere Beschäftigung mit den eigenen Needs und vor allem mit dem Kundennutzen stehen.

Die Verunsicherung wird dadurch verstärkt, dass etwa Amazon längst begonnen hat, die Plattformen im Industriebereich zu konkurrenzieren. Diese Entwicklung zu ignorieren, hat genauso wenig Sinn, wie bewundernd vor den Großen zu erstarren oder zu versuchen, sie zu bekämpfen. Unsere Unternehmen sind ja seit Jahrzehnten gewöhnt, souverän zu handeln. Ohne Angst, aber auch, ohne sich dafür zu genieren. Jetzt gibt es eben andere Player.

Manche glauben ja, dass gegen die großen Plattformen ohnehin kein Mittel existiert.

Staberhofer: Naja, bewusst das Handtuch zu werfen, ist natürlich auch eine Form der Souveränität. Klarerweise haben Plattformen wie Google oder Amazon Web Services eine sehr starke Position. Ähnliche Datensammlungen selbst aufzubauen, wird niemand schaffen, aber warum soll man die Daten nicht für eigene Geschäftsmodelle nutzen? Gerade im Handel gibt es dafür gute Lösungen, davon bin ich überzeugt.

Zitat, Franz, Staberhofer © WEKA

Und in der Industrie?

Staberhofer: Ich gehe davon aus, dass Amazon diesen Markt innerhalb von höchstens fünf Jahren bearbeiten wird. Aber auch da kann man Wege finden, nicht zuletzt durch Kooperation untereinander. Für B2C und B2B gilt doch im Grunde immer die gleiche Frage: Was wollen die Kunden? Die Antwort: Sie wollen saubere und geeignete Lösungen, und Amazon liefert die nun einmal. Jeder von uns hat doch schon erlebt, dass er im Einzelhandel etwas kaufen wollte und auf Lieferprobleme, schlechte Supply Chains und uninformierte beziehungsweise demotivierte Mitarbeiter gestoßen ist. Mitarbeiter, die einem sogar wörtlich empfehlen, es „im Internet“ zu bestellen.

In B2C hat das die bekannten Folgen, und in B2B wird es genauso sein. Vor allem kleinere Unternehmen bestellen bereits standardmäßig über Business-Plattformen. Und das geht weit über Büromaterial hinaus – hier geht es zum Beispiel längst auch um Ersatzteile. Den klassischen Katalog brauchen diese Unternehmen nicht mehr. Hinzu kommt, dass die Oberflächen dieser Plattformen wie B2C-Oberflächen gestaltet sind. Sich dort intuitiv zu bewegen, ist also längst gelernt.

Dass es auch ganz anders geht, zeigen Unternehmen wie etwa Kellner&Kunz. Auf deren Portal kann man ja nicht nur Schrauben bestellen, die bieten echten Full Service. Für die Kunden ist das eine hervorragende Plattformlösung, warum sollten sie die Plattform also verlassen?

Sie haben die ungenaue Verwendung von Begriffen wie KI und Big Data erwähnt. Ist das wirklich ein Problem?

Staberhofer: Wenn es auf dieser oberflächlichen Ebene bleibt: ja. Die beste KI-Lösung nützt nichts, wenn der Kunde den Bedarf nicht nennen und den Nutzen nicht definieren und darstellen kann. Für die Anbieter ist das ein ernstzunehmendes Problem, daher rührt ja auch das Kunden-Defizit, das manche haben, obwohl ihre Lösungen großartig sind. Viele finden ihre Kunden eher in den USA als hierzulande, weil es in den Gesprächen hier oft zu viele Ineffizienzen gibt.

Zitat, Franz, Staberhofer © WEKA

Ähnliches gilt für Big Data: Der Umgang mit Google hat natürlich eine politische Dimension, aber es geht auch hier wieder um Souveränität. Sehen Sie sich doch an, welche unglaubliche Sensorik heute bereits in Maschinen eingebaut ist. Die generieren enorm wertvolle Daten, aber die muss man eben auch intelligent und konsequent nutzen. Hier herrscht bisweilen das Gefühl, mit Google könne man ohnehin nicht mithalten. Aber viel schlimmer ist in meinen Augen das verbreitete Fehlen von Phantasie.

Es gibt aber auch hier Gegenbeispiele?

Staberhofer: Ja, und um die wird es am Österreichischen Logistik-Tag in Linz gehen. Es gibt viele Unternehmen, die eben nicht nur predigen, sondern tun. Die gnadenlos kundenorientiert sind, die völlig neue Service-Levels erreichen. Das erstreckt sich übrigens auch auf die Schulung der Mitarbeiter. Unser Keynote-Speaker, Gunther Olesch von Phoenix Contact, wird unter anderem über Wege sprechen, Mitarbeiter „zum Gewinnen zu begeistern“. Es kann doch nicht sein, dass sich Mitarbeiter nicht über potenzielle Kunden freuen!

Gerade die Entwicklungen, die Sie ansprechen, verunsichern aber auch viele Mitarbeiter. Die Digitalisierung macht auch Angst.

Staberhofer: Ich will die Probleme ja auch nicht kleinreden – aber auch hier ist es eine Frage der Souveränität. Unternehmen wie Kellner&Kunz wachsen, gewinnen Kunden und sind meiner Meinung nach überhaupt nicht in Gefahr, durch Amazon oder wen auch immer ersetzt zu werden. Solche Unternehmen haben intensive Kenntnis von den Bedarfen ihrer Kunden. Ich glaube nicht, dass dort jemand Angst vor der Digitalisierung hat.

Angst hat ja nur, wer das Gefühl hat, über keine Alternativen zu verfügen. Unternehmen haben jahrzehntelang nicht darüber nachgedacht, ob sie sterben – sie haben gehandelt. Erfolgreich wird auch weiterhin nicht der sein, der seine Kunden ausnimmt, sondern der, der darüber nachdenkt, was er ihnen wirklich bieten kann. Das nenne ich die Souveränität des eigenen Weges.