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„Exoskelette sind kein Luxusthema"

Das oberösterreichische Start-up Aerovision will Exoskeletten zum Durchbruch verhelfen. Mit neuen Anbietern, neuen Produkten, individueller Beratung – und viel Startup-Mentalität.

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„Überall gibt es diese monotonen, repetitiven Tätigkeiten, die häufig auf den Rücken, die Halswirbelsäule und die Schultern wirken."

Markus Rockenschaub (Mitte), Aerovision

dispo: Herr Rockenschaub, mit Aerovision bieten Sie Drohneninspektionen in gefährlichem Industrie-Umfeld. Mit exxotec human robotics setzen Sie nun auf Exoskelette. Ist der gemeinsame Nenner so einfach, wie ich vermute?

Markus Rockenschaub: Ja, es geht um Arbeitssicherheit. In beiden Bereichen sind die Zielgruppen relativ ähnlich. Und in beiden Bereichen gibt es einen gewissen Erklärungsbedarf. Hier kann man natürlich viel reden – noch besser ist, es zu demonstrieren.

Beim Thema Exoskelette landet man sehr schnell bei einem namhaften Unternehmen aus dem Gesundheitsbereich. Ich nehme an, die Szene ist ein wenig breiter?

White Paper zum Thema

Rockenschaub: Die Konkurrenz war in den vergangenen Jahren alles andere als untätig. Es gibt eine ganze Reihe von Playern mit wirklich coolen und innovativen Produkten. Wir sind gerade dabei, uns hier die Rosinen herauszupicken. Und das Potenzial ist gewaltig. Healthcare, Logistik, Bauwirtschaft, Industrie, Landwirtschaft – überall gibt es diese monotonen, repetitiven Tätigkeiten, die häufig auf den Rücken, die Halswirbelsäule und die Schultern wirken.

Ich habe den Eindruck, dass Exoskelette eine Zeit lang gehyped wurden, dass derzeit aber ein wenig Stillstand einkehrt, auch medial.

Rockenschaub: Das sehe ich nicht so. Viele Unternehmen beschäftigen sich bereits mit der Anwendung und erkennen auch den Nutzen. Aber natürlich stehen manche den Exoskeletten immer noch skeptisch gegenüber. Das hat wohl auch damit zu tun, dass ihr Nutzen nicht unmittelbar als ROI darstellbar ist. Man investiert hier ja in die mittel- und langfristige Gesundheit der Mitarbeiter.

Manchmal sind übrigens die Arbeitsmediziner die Skeptiker – obwohl es bereits ausreichend Studien gibt, die belegen, dass das Tragen der Exos keine negativen Folgen für die Gesundheit hat. Und wirklich jeder Hersteller kann mittlerweile mit Studien die Entlastung des Bewegungsapparats in konkreten Zahlen belegen. Die Überzeugungsarbeit geschieht letztlich aber vor Ort: Man muss in die Unternehmen gehen, das Produkt vorstellen und es auch testen lassen. Und man muss sehr genau auf den subjektiven Eindruck derer hören, die damit arbeiten. Die Akzeptanz der Mitarbeiter ist entscheidend.

Laevo, exoskeletons, Exoskelett © Laevo exoskeletons

„Man muss sehr genau auf den subjektiven Eindruck derer hören, die damit arbeiten. Die Akzeptanz der Mitarbeiter ist entscheidend."

Sind Exoskelette auch ein Hebel beim Recruiting?

Rockenschaub: Diese Bestrebungen werden mehr. Die Klagen über den Fachkräfte- und Arbeitskräftemangel sind ja bekannt, und wer potenziellen Mitarbeitern beste Unterstützung bietet, wird es etwas leichter haben. Menschen, die den ganzen Tag Rigips-Platten an Wände schrauben, überkopf am Band arbeiten oder auf Feldern Unkraut zupfen, werden für ein Exoskelett wahrscheinlich dankbar sein. Trotz aller Digitalisierung und Automatisierung sind es immer noch die Menschen, die die meisten Arbeiten verrichten – und daher ist das auch kein Luxusthema.

Erwarten Sie gesetzliche Vorgaben in diese Richtung?

Rockenschaub: Ja, definitiv. Auch wenn das in Europa wieder einmal länger dauern wird als anderswo. Entsprechende Regelungen zu implementieren, ist aber – zugegeben – nicht ganz einfach, da sich die Folgen körperlicher Überlastung meist erst nach Jahren manifestieren. Andererseits verwenden wir ja auch Sicherheitsschuhe, Gehörschutz, Schutzbrillen oder Helme längst mit größter Selbstverständlichkeit. Ich bin davon überzeugt, dass zumindest mittelfristig auch Exoskelette für bestimmte Tätigkeiten arbeitsrechtlich vorgeschrieben sein werden. Vor allem bei großen Automobilherstellern sind Exoskelette in den Fertigungsstraßen nach internen Regeln bereits verpflichtend.

Aerovision, Drone, Support, Markus, Rockenschaub © Aerovision Drone Support

„Ich bin davon überzeugt, dass zumindest mittelfristig auch Exoskelette für bestimmte Tätigkeiten arbeitsrechtlich vorgeschrieben sein werden."

Wie sieht eigentlich Ihr Portfolio aus?

Rockenschaub: Gestartet sind wir mit den Exos von Laevo, Htrius und Skelex. Weitere Kooperationen sind in der Pipeline, das Portfolio verbreitert sich sukzessive. Wir wollen natürlich eine möglichst breite Palette abdecken, inklusive Soft-Exos. Und wir haben auch gute Verbindungen in die Startup-Szene.

Sie haben auch KMU im Blick?

Rockenschaub: Dort sind wir schon recht gut vernetzt, ja. Es geht auch darum, vermehrt bei kleineren Unternehmen Awareness zu schaffen. Neue und günstigere Produkte sind bekanntlich nicht unbedingt immer die schlechtesten. Natürlich haben wir nicht die Marketing-Schlagkraft eines großen Konzerns. Wir nutzen also unsere Kontakte in die Industrie, und dazu gehören gerade in Österreich auch die kleinen und mittleren Unternehmen. Wir setzen auf persönliche Ansprache, auf die unmittelbare Demonstration des Nutzens.

Sind aktive Exoskelette ein Thema für Sie?

Rockenschaub: Derzeit noch nicht. Ich glaube, dass aktive Komponenten – zumindest im zivilen Bereich – eher noch Zukunftsmusik sind. Auch angesichts der immer noch hohen Eigengewichte.

Sie haben über Start-ups gesprochen – haben Sie den Eindruck, dass die Startup-Szene in Europa stark genug ist, um international mitzuhalten?

Rockenschaub: Wie gesagt, es gibt eine Reihe spannender Start-ups, derzeit besonders in den Benelux-Ländern. Generell ist die Startup-Mentalität in Europa und in Österreich aber immer noch nicht ganz angekommen. Wir hören zwar andauernd, dass wir als Industrie- und Innovationsstandort ganz toll seien, aber mit bestimmten Themen wird seltsam gehaushaltet. Wir wollen helfen, diesen Geist ein wenig zu stärken. Innovation ist immer noch ein Pflänzchen, selbst im innovativen Oberösterreich. Aber wir werden es weiter gießen. Und vielleicht auch mithelfen können, den Weg in den Consumer-Bereich zu erleichtern.

Sie sehen Exoskelette auch im Consumer-Bereich?

Rockenschaub: Ja. Denken Sie nur an die Entwicklung der Elektrofahrräder: Die ermöglichen plötzlich auch weniger sportlichen Menschen, auf einen Berg zu fahren. Exoskelette haben das Potenzial, Menschen mit eingeschränkter Mobilität im Alltag zu helfen. Hier wird es zunehmend Möglichkeiten des Supports geben. Das ist in meinen Augen ein hochinteressantes Thema, das seinen Weg von der Industrie in den privaten Bereich finden wird. Hier entsteht ein extrem spannender Markt.

Zur Person

Im Frühjahr 2021 hat Markus Rockenschaub die Marke „exxotec human robotics“ gegründet. exxotec bietet Kauf und Miete von Exoskeletten – inklusive Beratung, Proof of Concept, Validierung und Support. Rockenschaub ist Gründer von Aerovision Drone Support (visuelle Drohneninspektionen in für Menschen ungeeigneten Umgebungen) sowie der Multimedia- und Kreativagentur bluemedia.