Modernisierung

Retrofit: Das große Ganze sehen

Der Aufbau resilienter Lieferketten und die Corona-Pandemie treiben die Nachfrage nach Retrofit-Lösungen in der Intralogistik. Wie man Projekte erfolgreich durchführt und wie lange die Vorlaufzeit sein sollte, erläutert Markus Kammerhofer, Head of Retrofit Sales bei TGW.

Markus Kammerhofer übernahm 2013 den Bereich TGW Retrofit Sales.

Intralogistikanlagen aus Stahl und Eisen sind langlebig. Ab welchem Zeitraum nach der Inbetriebnahme ist ein Retrofit sinnvoll?

Markus Kammerhofer: In der Tat sind Stahl und Eisen langlebig, manche Intralogistikanlagen laufen bereits seit Jahrzehnten. Beim Thema Retrofit geht es aber nicht in erster Linie darum, robuste Stahlkomponenten zu ersetzen. Die IT- und Steuerungssysteme auf den neuesten Stand zu bringen, das ist ein wichtiges Thema, das alle paar Jahre auf die Agenda gehört – vor allem, wenn Unternehmen wachsen. Im Prinzip werden mit einem Retrofit Materialflusssysteme modifiziert oder erweitert, damit ein Anlagenbetreiber optimal auf die Bedürfnisse seiner Kunden eingehen kann. Grundsätzlich würde ich das Thema in drei Unterpunkte gliedern.

Und die wären?

Erstens Anpassungen, die oft schon wenige Monate nach Inbetriebnahme des Gesamtsystems erfolgen sollen, um sich in einer schnelllebigen Zeit auf neue Marktanforderungen ausrichten zu können. Punkt zwei sind Erweiterungen, die vor allem bei Unternehmen mit hohen Wachstumsraten einige Jahre nach dem Go-Live anstehen. Punkt drei sind Modernisierungen der IT und Steuerung, die im Schnitt alle vier oder fünf Jahre nötig sind. Die Mechanik ist erst nach zehn oder mehr Jahren an der Reihe. Wenn die Software auf den aktuellen Stand der Technik gebracht wird, sollte man das bei der Steuerung auch gleich berücksichtigen.

Wie entwickelt sich der Markt?

Retrofit ist ein Wachstumsmarkt. Bei TGW wickeln wir im in diesem Bereich heute jährlich fast fünfmal so viele Projekte ab wie noch vor zehn Jahren. Das liegt zum einen daran, dass wir in dieser Zeit viele neue Anlagen verkauft haben. Zum anderen erkennen Unternehmen zunehmend, dass sie im harten Wettbewerb nur dann die Nase vorne haben, wenn sie sich den Bedürfnissen ihrer Kunden perfekt anpassen. Die Anlagenbetreiber sehen auch, dass das Einhalten des Lieferversprechens und damit der Aufbau einer widerstandsfähigen Supply Chain immer wichtiger wird. In den Köpfen der Entscheider ist die sogenannte VUCA-Welt präsent, also Herausforderungen, die in Zusammenhang mit Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität stehen. Nicht zuletzt hat seit vergangenem Jahr die Corona-Pandemie den Markt angetrieben – beispielsweise wegen eines sprunghaften Anstiegs des E-Commerce in einigen Branchen.

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Warum ist ein Retrofit sinnvoll?

Früher gab es Anlagenbetreiber, die nach dem Motto „never touch a running system“ gehandelt haben. Aber heute weiß so gut wie jeder, dass man versuchen muss, das Maximale aus der Intralogistik herauszuholen. Ineffizienzen oder gar Stillstände können sich Unternehmen nicht leisten – und lange Durchlaufzeiten sind in der Welt der Hochleistungslogistik ein Wettbewerbsnachteil.

Wann ist ein Modernisierungsprojekt unumgänglich?

Wer das Thema zu lange hinauszögert läuft Gefahr, dass Ersatzteile auslaufen oder Technologien nicht mehr verfügbar sind. Noch wichtiger ist aber das Wissen, das fehlt, weil beispielsweise IT- und Steuerungs-Spezialisten in den Ruhestand gehen. Viele IT-Fachleute verfügen heute über viel Expertise in NET, C#, JAVA oder SAP, können aber nicht mehr mit C++ oder C umgehen. Bei Retrofitprojekten setzen wir grundsätzlich auf die Einführung der neuesten Technologie, damit diese möglichst lange aktuell ist.

Wie lange dauert ein Modernisierungsprojekt?

Im Prinzip gibt es zwei Möglichkeiten: den „Big Bang“ oder schrittweises Vorgehen. Letzteres wird immer wichtiger, weil Unternehmen das Risiko, dass beim Big Bang etwas schiefgeht, keinesfalls eingehen wollen. Zudem machen immer weniger Firmen Betriebsferien, die Anlagen müssen also so konstant wie möglich laufen. Wir haben Kunden, die an einem einzigen Tag mit einem Zentrallager mehrere Millionen Euro Umsatz generieren. Bei ihnen zählt jede Stunde, in der die Intralogistik stillsteht. Solche Unternehmen strecken eine Modernisierung über ein halbes Jahr oder länger und wir operieren quasi am offenen Herzen – aber sehr gut vorbereitet. Kleine Retrofits können an wenigen Wochenenden über die Bühne gehen.

Was sind die wichtigsten Vorteile von Retrofits?

Allein das Upgrade einer Software auf die aktuelle Technikstufe liefert einen Zuwachs an Funktionalitäten. Neue Lagerverwaltungssysteme ermöglichen eine bessere Konnektivität mit anderen Systemen, etwa Manufacturing Execution Systems, Supply Chain Management Systems und Enterprise Resource Planning Systems, sodass der Datenfluss durchgängiger wird. Ziel ist immer, dass Informationen entlang der Wertschöpfungskette in Echtzeit ausgetauscht werden können. Das ist die Voraussetzung, damit Unternehmen über Firmengrenzen hinweg ihre Beschaffung und Materialflüsse so effizient wie möglich steuern können. Immer öfter werden wir gefragt, ob sich autonome Technologien wie Fahrerlose Transportsysteme oder Roboter in die Gesamtanlage integrieren lassen. Sie schaffen mehr Flexibilität und eine leichtere Skalierbarkeit. Lagerverwaltungssysteme, die auf dem neuesten Stand der Technik sind, bieten auch die Möglichkeit einer Steuerung über Touchscreens. Die Bedienung ist intuitiv, die Einarbeitung für Mitarbeiter einfach. Das gilt auch für das „stufenlose“ Zoomen zur Anlagenvisualisierung. Nutzer können bis auf Sensorebene in die Systeme hineingehen, um beispielsweise defekte Komponenten zu lokalisieren. Generell sind auch Wartungsarbeiten nach Retrofits einfacher durchzuführen, weil in den Anlagen moderne Komponenten eingebaut wurden. Ein Thema wird aber immer wichtiger werden …

Nämlich welches?

Dass die Wünsche der Endkunden schneller umgesetzt werden als der Wettbewerb dies kann. Denn wer die neuen Bedürfnisse nicht erfüllen kann, verliert Kunden. Ein Beispiel: Früher reichte einem Kunden eine Lieferung mit 100 Positionen. Heute will er den Auftrag mit dem gleichen Volumen an zehn verschiedene Orte geliefert bekommen – zu zehn unterschiedlichen Zeiten. Warum? Weil das auf den großen B2C-Plattformen Usus ist und der Kunde diese Vorteile und Flexibilität auch für sein Unternehmen nutzen möchte. Deshalb muss man als Anlagenbetreiber immer das große Ganze im Blick haben – und da rechnen sich Investitionen in ein Retrofit schnell.

Ab welcher Investitionssumme startet ein Retrofit?

Es gibt Projekte, die starten bei 50.000 Euro, Großprojekte kosten zum Teil mehrere Millionen. Was man bedenken sollte: Wer beispielsweise am Tag mehrere Millionen Euro Umsatz mit einem Zentrallager macht, für den ist ein einziger Ausfalltag teurer als ein komplettes Retrofitprojekt.