Logistik

So heldenhaft ist die Logistikbranche

Dem Logistiksektor gehen die Fachkräfte aus. Und das, obwohl die Coronakrise die Bedeutung der Branche aufgezeigt hat. Andreas Breinbauer, Rektor der FH des BFI Wien über die Attraktivität der Logistikbranche und die Herausforderungen der weltweiten Lieferketten.

"Bei der Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele spielt die Branche eine Schlüsselrolle“, sagt Andreas Breinbauer, Rektor der FH des BFI Wien.

Wissen ist Macht, heißt es so schön. Der derzeitige Fachkräftemangel wirkt sich demnach negativ aus. Was bedeutet das für die Logistikwirtschaft und die Zukunft?  „Die Logistiker*innen sind wesentliche Gestalter*innen der Globalisierung, tendenziell interkulturell offen aber gleichzeitig bodenständig. Die Herausforderungen und die Jobmöglichkeiten sind immens vielfältig. Bei der Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele spielt die Branche eine Schlüsselrolle“, sagt Andreas Breinbauer, Rektor der FH des BFI Wien. Eine Schlüsselrolle spielt die Logistik auch in der Coronakrise, die den Stellenwert des vernetzten Transports sowie die Vulnerabilität der Lieferketten ins Rampenlicht rücken ließ. Dennoch stehen die Logistiker*innen als Held*innen der Covidkrise meist im Schatten. „Damit ist es im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen schwieriger, ambitionierten Nachwuchs für das Berufsfeld zu begeistern. Aber da gibt es tolle Pilotprojekte in den Schulen. Die FH des BFI Wien setzt unter anderem gezielt auf Kooperationen mit Schulen, im Logistikstudiengang auf Zusammenarbeit mit auf Logistik spezialisierten Schulen, um die Schüler*Innen für die Logistik und damit für ein Studium bei uns zu begeistern“, berichtet Breinbauer.

Attraktivität der Logistikbranche steigern

Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, schlägt er vor, das Spektrum der Tätigkeitsfelder für Logistiker*innen öffentlich breiter darzustellen als bisher und die vielfältigen möglichen Karrierewege und Tätigkeitsfelder so darzustellen, dass es für Jugendliche attraktiv ist. „Gleichzeitig müssen wir viel früher in der Ausbildung ansetzen und logistikrelevante Inhalte schon in den unteren Schulstufen diskutieren. Für Jugendliche ist das Thema Klimawandel ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste Thema. Daher ist es essenziell, dass dieses Thema im Kontext mit Logistik auch positiv besetzt wird.“ Ein weiterer Aspekt sei es, Frauen/Mädchen für die Logistikwirtschaft zu begeistern. Die FH des BFI Wien hat hierzu seit März 2020 mit dem DamenLogistikClub ein Mentoring Programm entwickelt, um jungen Frauen den Einstieg in den noch immer primär männlich besetzten Logistik-Bereich zu erleichtern. Derzeit betreuen neun hochkarätige Mentorinnen neun Mentees (Studentinnen und Absolventinnen der Bachelor- und Master-Studiengänge Logistik und Transportmanagement).

„Es wird kein `Vor-Covid-Normal`geben“

Auch der Logistiksektor verschließt vor Themen wie Digitalisierung, Transparenz und Nachhaltigkeit keineswegs die Augen. „Es wird meines Erachtens im Bereich der Logistik kein Zurück zu „Vor-Covid-Normal“ geben, da die Kund*innen Digitalisierungsfortschritte, die im Bereich Intralogistik schon weit gediehen sind, einfordern werden. Der praxisorientierte Einsatz von Technologie, das Management digitaler Systeme, Datenanalyse und die Verknüpfung von Daten werden wichtiger werden und finden sich auch in unseren Programmen“, prognostiziert Breinbauer. Seiner Meinung nach werden auch Kund*innenorienteriung und die Individualisierung von Angebot und Nachfrage und neue Geschäftsprozesse, die auf neue Marktstrukturen referenzieren, an weiterer Importanz zulegen. „Die Logistiker*innen müssen hinkünftig eine höhere digitale, aber auch soziale Affinität aufweisen, da die zunehmende Komplexität der Interaktion höhere Ansprüche an soziale Fähigkeiten stellt, vor allem in Beziehung mit den Kund*nnen. Es wird auch vermehrt darum gehen, optimale Mischformen von virtuell-analog-Kooperationsformen, intern wie extern, zu finden. Wir haben an der FH des BFI Wien ein Kompetenzzentrum „New Work – New Business“, das genau diese Themen bearbeitet“, so Breinbauer.

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Massive Auswirkungen auf weltweite Lieferketten

Was den Bereich Nachhaltigkeit betrifft, werden sich Breinbauers Auffassung nach durch den Green Deal und die zu erwartenden Lieferkettengesetze die Rahmenbedingungen für europäische Logistikmanager*innen stark ändern und für die Unternehmen neue Geschäftschancen eröffnen. „Zwei weitere Aspekte scheinen mir noch wichtig: Die Bedeutung der Politik hat gegenüber der Wirtschaft zugenommen. Diese Entwicklung wird meines Erachtens sogar noch zunehmen, nicht nur im Hinblick auf die Nachhaltigkeit. Sowohl die USA als auch Europa, vor allem aber China, setzen auf eine Regionalisierung der Supply Chains, China möchte im Bereich der „internal Circulation“ rein chinesische Wertschöpfungsketten aufbauen, Huawei sogar bis Ende des nächsten Jahres. Das wird meines Erachtens gravierende Auswirkungen auf die weltweiten Lieferketten haben, zumindest in den nächsten fünf Jahren“, so Breinbauer.

„Eine weitere wichtige Entwicklung ist, dass Logistik zunehmend „Urbane Logistik“ werden wird. 2030 werden 60 Prozent der Weltbevölkerung in urbanen Räumen leben und mehr als ein Viertel der Menschen weltweit wird bevorzugt online bestellen. Die Logistik der Last Mile wird damit zum wichtigen Teil der Customer Journey – die Qualität der Zustellung wird zum wichtigen Element der Kund*innenzufriedenheit im E-Commerce. Genau diese zukünftigen Themen adressieren wir bereits jetzt in Forschungsprojekten wie zur Citylogistik (beispielsweise Last Mile - Umschlagsboxen, Güterverteilzentren der Zukunft) und globalen Wertschöpfungsketten insbesondere mit Schwerpunkt China (Belt and Road Initiative)“, erklärt Breinbauer.