Pooling

Wie Chep in Österreich wachsen will

Share and Re-use: Mit seinem Poolingsystem will Chep in Österreich kräftig wachsen. Womit das Unternehmen argumentiert. Und auf welche Gegebenheiten Country Manager Wim Hermans hierzulande trifft.

Von
Transportlogistik Intralogistik Chep Paletten Pooling Wim Hermans

Die Mitarbeiter des Supermarkts haben sich offensichtlich an den freundlichen Herrn im Anzug gewöhnt. Sie verziehen keine Miene, wenn er wieder einmal die Filiale durchwandert, die Paletten, Dollys und Container betrachtet, kritisch untersucht, manche zurechtrückt – und seine Eindrücke gegenüber dem Begleiter kommentiert. Beim Verlassen wird er gegrüßt wie ein Stammkunde. Wer die Supermarkt-Paletten-Tour mit Wim Hermans absolviert hat, wird Ladungsträger in Supermärkten danach jedenfalls mit anderen Augen sehen.

Wim Hermans leitet seit einigen Monaten Chep in Österreich. Das Unternehmen im Besitz des australischen Konzerns Brambles Group ist seit 1945 auf das Pooling von Ladungsträgern spezialisiert – „auf Share and Re-use, das ist das Herz unserer Lösungen“, sagt Wim Hermans.

Hermans erklärt den Gedanken am Beispiel eines Verpackungsherstellers. Dessen Glasflaschen werden an eine Brauerei geschickt, nach dem Befüllen an den Großhändler geliefert und von dort an den Handel verteilt. Normalerweise müsste der Hersteller dafür sorgen, die Paletten vom letzten Beteiligten wieder zurückzubekommen. Chep gibt die Palette an der ersten Station heraus und sammelt sie am Ende der Kette wieder ein. Der Ladungsträger bleibt dabei Eigentum von Chep.

White Paper zum Thema

Vier Säulen

Das Argumentarium des Unternehmens basiert auf vier Säulen. Zunächst das Versprechen der Kostentransparenz. „Manche Unternehmen realisieren nicht, wo überall Kosten entstehen“, sagt Hermans. „Wenn wir dann nachfragen, wie viel Zeit, Geld, Arbeitskraft und Lagerraum die Firma in Paletten investiert, kommt es immer wieder zu Aha-Erlebnissen.“ Nebenbei, erwähnt er, werde dank Poolings auch der Spotmarkt nicht mehr benötigt.

Säule Nummer Zwei ist das Qualitätsversprechen. Die Chep-Paletten landen immer zuerst in einem Service-Center, bevor sie wieder ausgeliefert werden. Dort durchlaufen sie ein standardisiertes Inspektions- und Reparaturverfahren, das ihnen, wie Hermans betont, eine im Vergleich zu White-Label-Paletten bis zu zehnmal längere Lebensdauer beschert.

Chep, Paletten, Pooling © Chep

Je mehr Parteien am Kreislauf teilnehmen, desto größer werden auch die Vorteile für den Einzelnen.

Drittens geht es um Nachhaltigkeit. Chep hat es am konkreten Beispiel eines Eiscremeherstellers nachgerechnet, der Komponenten in Wegwerf-Kartons mit Lkw von Deutschland nach UK schickte, die dann leer zurückkehrten. „Wir haben ausgerechnet, wie viel Karton hier verschwendet wurde, wie viel Luft transportiert wurde – und was man an CO2-Emissionen sparen konnte. Bei diesem Kunden waren es mehr als 50 Prozent. Die Reduktion des Footprint ist also ein wesentlicher Bestandteil unseres Modells.“

Viertens ist es auch eine Frage der Verfügbarkeit. Chep unterhält hunderte Service-Center, in ganz Europa sind derzeit um die 120 Millionen der blauen Ladungsträger unterwegs. Die notwendige Menge an passenden Ladungsträgern ist also immer in relativer Nähe.

Das Share- and Re-use-System ist logischerweise selbstverstärkend: Je mehr Parteien am Kreislauf teilnehmen, desto größer werden auch die Vorteile für den Einzelnen. Vorausgesetzt, die Gewinne werden reinvestiert – was laut Wim Hermans permanent geschieht: „Im Sommer werden wir etwa in unserem Servicecenter in Österreich eine neue Inspektions- und Reparatur-Anlage errichten. Das wird unsere Kapazität ungefähr verdoppeln. Und wir investieren in Automatisierung und Robotisierung: Einsparungen, die wir zum Teil weitergeben können.“

„Das kann eine Reise werden“

Dass der Übergang zu einem Pooling-System immer wieder Überzeugungsarbeit bedarf, räumt Wim Hermans ein. Vor allem angesichts seines Ansatzes, die Supply Chain eines potenziellen Kunden wirklich verstehen zu wollen. „Das kann eine Reise werden, die Monate dauert. Wir wollen die Supply Chain von Anfang bis Ende kennen, um zu sehen, wo eine Pooling-Lösung sinnvoll sein kann.“ Dass dies die Bereitschaft des Kunden voraussetzt, sich zu öffnen und seine Daten zu teilen, ist klar. Dass das nicht alle wollen, ebenso. „Es kommt auch sehr auf die Kultur des Unternehmens an. Und darauf, mit wem Sie sprechen. Ich versuche, nicht mit der Einkaufsabteilung zu sprechen – die empfinden Ladungsträger meist eher als Commodity –, sondern mit jenen, die wirklich das Geschäft betreiben. Die sehen meist sehr schnell, wo der Vorteil liegt.“

Vernetzte Ladungsträger

Dass Chep Ladungsträger für alles andere als Commodity hält, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass sich das Unternehmen mit der Digitalisierung und der Einbindung in das Internet of Things beschäftigt – laut Wim Hermans „einer unserer strategischen Schwerpunkte“. Relevanz bekommt das Thema in seinen Augen vor allem infolge des sich verändernden Einkaufsverhaltens der Konsumenten und der zunehmenden Automatisierung der Warehouses der Produktionsbetriebe.

Chep, Paletten, Pooling © Chep

Die Chep-Paletten landen immer zuerst in einem Service-Center, bevor sie wieder ausgeliefert werden.

Der naheliegende Einsatz vernetzter Ladungsträger verweist wieder auf den ökologischen Ansatz. Die Technologie ermöglicht das Verknüpfen von Daten zahlreicher Transportvorgänge und damit auch deren Optimierung. „Wir können die Kräfte von Unternehmen zusammenlegen und so Leerfahrten eliminieren“, sagt Hermans. „Wir haben im vergangenen Jahr rund sieben Millionen Leerkilometer vermieden. Auch so verändern wir Supply Chains.“

Spannend ist aber auch ein anderer Aspekt: die Unterstützung von Promotion im Handel. Mit Sendern versehene Ladungsträger ermöglichen etwa zu überprüfen, „ob das Ding wirklich dort steht, wo es stehen soll“. Die Anwendungsideen reichen bis zur direkten Kommunikation mit dem Kunden, sobald der sich in der Nähe des Ladungsträgers befindet. Solche Ideen testen wir aktuell mit großen europäischen Unternehmen. Und wir bekommen immer mehr Anfragen in diese Richtung“, erzählt Wim Hermans. Und bis das alles ausgereift ist, kann man ja immer noch selbst im Supermarkt nach dem Rechten sehen.

 

„Konservativ ist ein passender Begriff“

Chep-Geschäftsführer Wim Hermans über die Spezifika des österreichischen Marktes.

Wim, Hermans, Country, Manager, Chep, Austria © Chep

„Ich bin immer wieder beeindruckt, wie tief das Wissen vieler Eigentümer über ihre Firma reicht, auch über die Supply Chains.“

Wim Hermans, Chep

dispo: Herr Hermans, Sie leiten seit einigen Monaten Chep in Österreich. Ist das ein guter Markt für Pooling?

Wim Hermans: Jedenfalls einer, der immer besser wird. Einerseits ist Österreich in diesem Bereich nicht besonders weit, etwa auf dem Level der CEE-Staaten. Was für diese gilt, gilt aber andererseits auch für Österreich: Die Wachstumsraten sind sehr hoch. Die Frage ist also nicht: Können wir wachsen? Sondern: Wie können wir effizient wachsen, ohne dabei an Qualität zu verlieren?

Und woher dieses Wachstum?

Hermans: Chep arbeitet nicht nur mit den großen Unternehmen dieser Welt, sondern auch mit vielen Klein- und Mittelbetrieben, die in Österreich ja vorherrschen. Genau diese KMU entwickeln sich immer stärker in internationale Netzwerke hinein, beginnen also teilweise jetzt damit, ihre Produkte zu exportieren. Und erst an diesem Punkt bemerken viele, dass sie damit auch ihre Ladungsträger exportieren. Womit auch Pooling-Lösungen spannender werden. Natürlich kommt uns auch entgegen, dass die Transportpreise nicht zuletzt infolge des Fahrermangels gestiegen sind. Wie übrigens auch die Preise für Holz. Der Anreiz, in eine Pooling-Lösung zu investieren, steigt also.

Wie empfinden Sie als Belgier eigentlich die heimische Unternehmenslandschaft? Als so konservativ, wie ich vermute?

Hermans: Konservativ ist schon ein passender Begriff. Das beinhaltet auch die Einstellung, Assets besitzen zu wollen. Für manche fühlt es sich seltsam an, nicht zu besitzen, was sie verwenden. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass österreichische Firmen extrem gut organisiert sind. Das bemerken Sie vor allem bei den klassischen Familienbetrieben. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie tief das Wissen vieler Eigentümer über ihre Firma reicht, auch über die Supply Chains. Da treffen Sie auf Menschen, mit denen Sie wirklich gut diskutieren können.