Interview

"Viele glauben, es handle sich um vorübergehende Effekte"

Stehen wir vor massiven Veränderungen der Wertschöpfungs- und Lieferketten? Franz Staberhofer über die Folgen explodierender Transportpreise, widersprüchliche Ziele der Politik, sein ambivalentes Verhältnis zu Digitalisierung und die Frage, wie grün Logistik sein kann.

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Franz Staberhofer Lieferkette Events VNL Logistikum Steyr

Franz Staberhofer ist Professor an der FH Oberösterreich, Campus Steyr, Leiter des Logistikum Steyr und Obmann des Vereins Netzwerk Logistik (VNL).

Herr Staberhofer, der Österreichische Logistik-Tag steht heuer unter dem Motto „Rethink – Gestalten unter neuen Vorzeichen“. Was sind denn diese neuen Vorzeichen?

Franz Staberhofer Vor allem massive Schwankungen, die immer mehr zur neuen Normalität werden. Doch man hat sich offenbar daran gewöhnt, extreme Veränderungen unaufgeregt zur Kenntnis zu nehmen. Dass sich etwa die Preise für interkontinentale Transporte derzeit ver-x-fachen, führt zu keinem großen Aufschrei aus der Wirtschaft – und auch zu erstaunlich wenigen Fragen seitens der Journalisten. Wenn hingegen im Suezkanal ein Containerschiff quersteht, wird man gleich gefragt, ob jetzt die Weltwirtschaft zusammenbricht.

Woher stammt diese Entspanntheit Ihrer Meinung nach?

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Staberhofer Einerseits ist die Wirtschaft natürlich darauf trainiert, mit schwierigen Situationen umzugehen. Doch andererseits scheinen viele zu glauben, hier handle es sich um vorübergehende Effekte.

Sie glauben das nicht?

Staberhofer Nein, denn die Summe der Einflüsse ist ja gewachsen. Der Green Deal, das Lieferkettengesetz, die Circular Economy, „Motor aus“ – das sind zwar zum Teil widersprüchliche Ziele, aber sie werden für anhaltende Dynamik sorgen. Und wie in 2008 setzt auch jetzt wieder bei manchen die Vernunft aus. Es gibt Unternehmen, die bereits jetzt Ware für Weihnachten 2022 bestellen. Manche Containerrouten nach Amerika könnten derzeit doppelt verkauft werden.

Können Logistiker hier nicht bremsen? Immerhin verstehen die sich selbst ja meiner Erfahrung nach eher als vernünftig.

Staberhofer Supply Chain Management versucht prinzipiell immer, zu balancen und zu beruhigen. Doch die Logistik ist immer nur ein ausführendes Element, und manche wehren sich auch nicht allzu heftig, da ja im Moment viel Geld zu verdienen ist.

Was erwarten Sie also, wenn das Niveau der Transportpreise so hoch bleiben sollte?

Staberhofer Wenn sich die Transportkosten langfristig drastisch erhöhen, dann werden sich Lieferketten und Wertschöpfungsketten massiv verschieben, davon bin ich überzeugt. Rückverlagerung von Produktion klingt natürlich zunächst spannend. Doch auch in Europa gibt es Länder, die man als politisch instabil beschreiben könnte, und außerdem sind uns bestimmte Kompetenzen hier bereits verlorengegangen. Außerdem: Will ein Unternehmen seine Wertschöpfungskette wirklich nach Europa verlegen, wenn es vom Lieferkettengesetz dafür verantwortlich gemacht wird zu beurteilen, ob Rohstoffe eine ethisch vertretbare Quelle haben? Hier müssen eminent wichtige Entscheidungen getroffen werden, und das ist keine Frage von Monaten, sondern von Jahren.

Die Intention des Lieferkettengesetzes war aber doch richtig?

Staberhofer Ja, nur führt es eben zu Widersprüchen, da die Verantwortung auf die Unternehmen abgewälzt wird. Für den Green Deal gilt ähnliches: Verbrennungsmotoren abzuschaffen, klingt ja nicht schlecht. Will man aber sämtliche Pkw – und Lkw, woran ich ohnehin nicht glaube – mit Elektromotoren ausstatten, benötigt man Millionen Tonnen an Kupfer. Aus Minen, die wiederum überwiegend in Staaten liegen, deren ethische Standards zweifelhaft sind. Und schon sind wir wieder beim Lieferkettengesetz. Dort landen wir auch, wenn wir darüber nachdenken, woher der benötigte Strom kommen soll. Kalorische und Atomkraftwerke sind kein Thema mehr, Wasserkraft soll oder kann nicht mehr ausgebaut werden, Solarenergie funktioniert nur mit großen Mengen Seltener Erden – und auch die stammen aus kritischen Regionen der Welt. Die Widersprüche zwischen den gleichzeitigen Zielsetzungen sind wirklich massiv.

Ist Supply Chain Management also dazu verdammt, immer nur hinterherzuhinken und die Löcher zu stopfen?

Staberhofer Nein, man muss und man kann für neue Umstände und auch für verändertes Verhalten der Menschen nachhaltige Lösungen finden. Daher gibt es ja Veranstaltungen wie den Logistik-Tag. Wir zeigen konkrete Beispiele, konkrete Lösungen, Wege abseits des Mainstreams. Wir wollen keine Schaumschlägerei betreiben.

Mir fällt auf, dass der Begriff Digitalisierung in der Agenda kaum vorkommt. Warum eigentlich?

Staberhofer Zum Thema Digitalisierung hatte ich immer schon ein angespanntes Verhältnis. Ich habe noch nie jemandem etwas abgekauft, weil er mehr Digitalisierung betrieben hat. Digitalisierung ist kein Wert an sich, den erhält sie nur, wenn sie letztlich die Zufriedenheit der Kunden erhöhen kann. Jede Aufforderung zur Digitalisierung ohne Erklärung, warum man das tun sollte, ist vermessen und gedankenlos.
Warum haben wir zum Beispiel ein Ministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort? Ist Digitalisierung der Wirtschaft wichtiger, als sie nachhaltiger oder menschengerechter zu machen? Ein Sinnbild ist in meinen Augen das Kaufhaus Österreich, das in Entstehung, Umsetzung und Finanzierung prototypisch für den blauäugigen Umgang Österreichs mit der Digitalisierung steht.

Auch Ökologisierung ist kein explizites Thema des Logistik-Tages. Liegt das daran, dass dies ohnehin bereits integraler Bestandteil des Fachs ist?

Staberhofer Logistik strebt immer nach Maximierung der Effizienz, und das ist durchaus ein Element der Nachhaltigkeit. Aber wenn man Produkte mit dem Elektro-Lkw transportiert – was, wie gesagt, nie passieren wird –, ist das dann schon grün? Mir greifen solche Fragen viel zu kurz, ich hätte es schon gerne ein bisschen ganzheitlicher. Die eigentliche, die zentrale Herausforderung des Supply Chain Managements besteht in meinen Augen darin, Netzwerke neu zu gestalten. Erst dann sprechen wir wirklich über Ökologisierung. Ist es etwa ökologisch und ökonomisch sinnvoll, einen Container zu transportieren, dessen Materialwert bereits halb so hoch ist wie der Wert seines Inhalts? Oder wäre es sinnvoller, ein anderes Produkt herzustellen oder in der Region zu produzieren? Oder nehmen Sie das Digitrans-Projekt zum autonomen Fahren. Natürlich kann man auf diese Weise ein paar Prozent an Kraftstoff einsparen – aber viel interessanter ist doch die soziale Frage: Können wir erreichen, dass weniger Menschen unter unangenehmen Bedingungen arbeiten müssen? Wie die Zukunft der Arbeit aussieht, ist überhaupt eine der wichtigsten Fragen. Damit beschäftigt man sich erstaunlicherweise aber gar nicht. Auch das Thema der Produkt-Lebensdauer wird nicht adressiert. Alles, was nicht weggeworfen wird, ist aber der größte Beitrag zur Nachhaltigkeit. Ich bin durchaus der Meinung, dass wir nicht nur auf die Intelligenz der Menschen bauen können. In manchen Bereichen wird es gesetzlicher Regelungen bedürfen – siehe etwa ein Verbot so genannter kostenloser Rücksendungen.

Ohne massive Verhaltensänderung der Konsumenten wird es aber nicht gehen?

Staberhofer Das stimmt. Dazu müssen wir den Konsumenten eine lebenswerte und akzeptierte Zukunft anbieten. Dann werden diese mitgestalten – und dadurch die notwendige neue Zukunft bald zur Realität.