Gastbeitrag : Gehört SAP WM bald auf die „Resterampe“?

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Sobald ein Kunde auf eine platzgeführte Bestandsführung angewiesen war, bot SAP mit dem WM eine bewährte Lösung an, die allerdings mit der Einführung von EWM (Extended Warehouse Management) nicht weiterentwickelt wurde. Dennoch war es bislang weiterhin möglich, seine Bestände platzgenau zu verwalten, mit SAP-Scanner-Anwendungen zu arbeiten oder sogar mit Materialflussrechner zu kommunizieren.

Mit der Einführung von S/4HANA hat sich SAP dazu entschieden, EWM als strategische Lösung für eine Lagerverwaltung zu etablieren und das alte WM-Modul auslaufen zu lassen. Sobald sich Unternehmen mit dem Thema SAP S/4HANA beschäftigen, kommen sie schnell auf das Thema Warehouse Management und sind verunsichert, was es nun für sie bedeutet, wenn sie mit dem alten WM-System auf die neue S/4-Welt zusteuern.

Keine Panik! In den folgenden Abschnitten möchte ich das Thema näher erläutern und die Angst vor einer Umstellung nehmen.

Daniel Rotter, Senior Consultant SAP Logistics bei der leogistics GmbH
Daniel Rotter ist Senior Consultant SAP Logistics bei der leogistics GmbH. - © leogistics GmbH

Wichtige Termine für SAP WM-Kunden

Mit der Einführung der SAP S/4HANA-Welt wurden auch die Termine für die Einstellung der Wartung für das WM-Modul verkündet. Zunächst ist es erst einmal wichtig zu wissen, mit welchen zeitlichen Restriktionen umgegangen werden muss. Hier ein kleiner Überblick:

Umstellungsfristen für das ERP ECC-System – Ende 2027/2030

Ursprünglich war seitens der SAP vorgesehen, dass der Support für das ERP ECC 6.0 Dezember 2025 endet. Als nun klar wurde, dass die Kunden für ihre Umstellung auf S/4HANA mehr Zeit benötigen, als von der SAP geplant, gab es noch einmal einen Aufschub. Im Februar 2020 verkündete der Anbieter dann, dass die Kunden nun einen Aufschub erhalten und eine Umstellung erst bis 2027 notwendig ist. Sollten Unternehmen jedoch darüber hinaus noch Wartung benötigen, können sie gegen eine Gebühr die Laufzeit bis 2030 verlängern.

Kompatibilitätsmodus – Ende 2025

Für Kunden, die gerne frühzeitig auf S/4HANA wechseln, aber noch ihre Einstellungen aus dem ERP ECC im neuen System nutzen möchten, bietet SAP den Kompatibilitätsmodus an. Der Kunde hat keine Einschränkungen. Jedoch ist diese Nutzungsform nur bis Ende 2025 möglich. Danach muss eine Entscheidung getroffen werden, die im weiteren Verlauf noch vertieft wird. Hierzu gibt es ebenfalls einen OSS-Hinweis seitens der SAP: 2269324 - Kompatibilitätsumfangsmatrix für SAP S/4HANA

Wie sieht die Lagerstrategie bei einer Umstellung auf ein S/4-System aus?

Wenn sich Unternehmen mit einer Umstellung auf SAP S/4HANA beschäftigen, dann ist es empfehlenswert, sich dabei auch direkt Gedanken über eine Lagerstrategie zu machen.

Optionen für Lagerstrategien unter SAP S/4HANA

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Je Lagerort kann entscheiden werden, welche Lagerlösung zum Einsatz kommt. Es gibt nicht nur einen Weg! Für diejenigen, die eine On-Premise-Lösung (keine Cloud) bevorzugen und bereits heute ein WM im Einsatz haben, kommen meist folgende Optionen in Betracht:

  • Der Kunde wird zukünftig das sog. Stock Room Management nutzen, um auch weiterhin die Basisfunktionalitäten von WM zur Verfügung zu haben.
  • Das Unternehmen stellt auf ein embedded EWM Basic um, sodass die Lagerverwaltung auch für die Zukunft gerüstet ist. Es fallen keine zusätzlichen Lizenzgebühren für die Nutzung an, da diese mit der S/4-Lizenz bereits abgedeckt sind.
  • Der Kunde nutzt ein embedded EWM Advanced, um seine Prozesse noch tiefer zu gestalten. Hier würden Lizenzgebühren zum Tragen kommen.
  • Der Kunde lagert seine Lagerverwaltung auf ein dezentrales EWM aus und betreibt alle Lager auf einem externen EWM-System. Hier würden ebenfalls Lizenzgebühren anfallen.
  • Es kann auch eine Mischung aus allen Varianten genutzt werden.

Speziell für das SAP EWM gibt es nochmal diverse Optionen, wie eine Zielarchitektur aussehen könnte.

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Alle Umstiegsoptionen beleuchten

Um eine Entscheidung zu treffen, hilft es, die heutigen mit SAP verwalteten Lager aufzulisten und das Zielbild zu definieren. Je nach Komplexität des Lagers sollte dann eine Entscheidung getroffen werden. Ist das Lager weniger komplex, dann wäre Stock Room Management sicherlich die richtige Lösung. Ist jedoch ein Automatiklager im Einsatz, dann wäre das externe EWM die bessere Wahl. In diesem Zusammenhang bietet leogistics einen Workshop an, um Unternehmen bei ihrer individuellen Entscheidungsfindung zu unterstützen.

Nun wurden bereits diverse Begriffe wie Stock Room Management, embedded EWM sowie Basic und Advanced erwähnt. Im Folgenden wird auf diese näher eingegangen:

Stock Room Management


Wenn man die zuvor genannten Termine interpretiert, könnte man denken, dass spätestens 2030 mit dem Modul WM Schluss ist und danach EWM zum Einsatz kommen muss. Aber dem ist nicht so. SAP bietet seit dem S/4HANA 1909 Release mit Stock Room Management eine Alternative zum WM an. Stock Room Management ist jedoch mehr als eine Alternative. Es ist das WM-Modul auf einem S/4HANA-System. Das Stock Room Management basiert technisch komplett auf dem WM-Modul, sodass es die gleichen Tabellen, Customizing-Pfade und Transaktionen nutzt. Allerdings wird das Stock Room Management nur mit technischen Einschränkungen angeboten. Folgende Funktionen sind nicht mehr nutzbar:

  • Task and Resource Management (LE-TRM)
  • Logistische Zusatzleistung, LZL (LE-WM-VAS)
  • Yard-Management" (LE-YM)
  • Cross-Docking" (LE-WM-CD)
  • Wellenmanagement" (LE-WM-TFM-CP)
  • Dezentrales Warehouse Management (LE-WM-DWM)
  • Lagersteuerrechner-Anbindung" (WM-LSR)

Um als Unternehmen herauszufinden, ob diese Lösung im Einsatz ist, gibt es Standardreports von der SAP, die in der Regel in einer S/4HANA-Vorstudie genutzt werden. Wer heute ein Lean-WM im Einsatz hat, kann dieses auch weiterhin mit Stock Room Management verwenden.

Embedded EWM


Mit Einführung der S/4HANA-Systemwelt ist auch die Lösung „embedded EWM“ entstanden, die als Alternative zum WM von der SAP angepriesen wird. Der Vorteil ist, dass das EWM, im Gegensatz zum dezentralen EWM, auf der gleichen Instanz wie das S/4-System läuft. Ziel der SAP ist, dass der Funktionsumfang zwischen dezentralem EWM und einem embedded EWM nahezu gleich ist. Der Vorteil bei embedded EWM ist, dass die Prozesse ein Stück weit mehr integriert ablaufen als bei einem dezentralem EWM. Das heißt, es kann je nach Prozess auf eine synchrone Verbuchung zurückgegriffen werden.

Grundsätzlich gibt es hierbei zwei Untervarianten, die angeboten werden: Basic oder Advanced. Die Basic-Variante hat den Vorteil, dass diese nicht lizenzpflichtig ist und bereits mit der S/4-Lizenz abgedeckt wird. Die Advanced-Variante ist lizenzpflichtig und wird wie ein dezentrales EWM bemessen. Der Vorteil ist, dass man den vollen Leistungsumfang von EWM integriert auf einer Systeminstanz nutzen kann.

  • Embedded EWM – Basic

    Mit der embedded Version kann man in der Regel die Funktionalitäten von WM ablösen und man bekommt sogar weitere Funktionen hinzu, die WM vorher nicht bieten konnte. Als Beispiel ist hier die Serialnummernführung auf Platzebene, sowie die prozess-/layout-orientierte Lagersteuerung zu nennen. Folgende Themen sind in der SAP EWM Basic Variante inbegriffen:
  • Lagerstuktur
  • Handling Units
  • Serialnummern auf Lagerplatzebene
  • Chargenmanagement
  • Prozessorientierte Lagersteuerung (Dekonsolidierung, Qualitätsmanagement)
  • Layout-orientierte Lagersteuerung (Routensteuerung für Paletten, Zwischenlagerplätze)
  • Inventurabwicklung
  • Ressourcenmanagement / RF-Applikation
  • Qualitätsmanagement
  • Produktionsintegration etc.
  • Embedded EWM – Advanced

    Die Advanced-Variante bietet das volle EWM-Programm und kann ebenfalls embedded genutzt werden. Wenn heute schon ein Drittanbieter-MFR genutzt wird, dann wäre die Chance mit EWM gegeben, hier die Systemlandschaft weiter zu konsolidieren und eine SAP-Strategie mit dem EWM-eigenen MFR weiter auszubauen. Folgende Themen sind in der SAP EWM Advanced-Variante inbegriffen:
  • fdas
  • Materialflussrechner (MFR)
  • Wellenmanagement
  • Transporteinheiten / Yard Management
  • Labor Management
  • Cross-Docking
  • Value added Services (VAS)
  • Warehouse Billing
  • Kitting
  • Dock Appointment Scheduling (DAS)
  • Slotting
  • Cartonization Planning
  • TM Integration
  • Idoc Interface for third-party MFR

Welche Variante passt am besten?

Für welche Lösung sich ein Unternehmen am Ende entscheidet, hängt ganz von den individuellen, aktuellen und geplanten Gegebenheiten ab. Wird ein WM-Lager mit Funktionalitäten betrieben, die im Stock Room Management nicht mehr verfügbar sind, dann führt womöglich kein Weg mehr an SAP EWM vorbei. Ob ein embedded oder ein dezentrales EWM notwendig ist, hängt wiederum von der Systemlast ab. In der Regel sind Automatik-Lager auf einem dezentralen SAP EWM geschaltet. Um eine gewisse Sicherheit zu bekommen, empfiehlt leogistics , die heutige Systemlandschaft zu analysieren und Maßnahmen daraus abzuleiten. Hierfür stellt die SAP auch Standardbordmittel zur Verfügung.