Österreichs Güterverkehr : Österreich mit "erhöhtem Risiko von Lieferengpässen"

Der Verein Netzwerk Logistik (VNL) liefert mit seiner neuen 3-Monats-Vorschau einen datenbasierten Lagebericht zur aktuellen Entwicklung des heimischen Güterverkehrs. Als Grundlage dafür werden einerseits anhand des Austrian Supply Chain Pressure (ASCPI) in der Rückschau die Entwicklungen des jeweils vorigen Quartals nachgezeichnet und damit gleichzeitig die Versorgungsengpässe, die sich auf Österreich auswirken, abgebildet. Andererseits werden regelmäßig eine Reihe von Branchenexperten zur Entwicklung des Güterverkehrs in den folgenden Monaten vom VNL befragt. Der ASPI wird vom Lieferketteninstitut (ASCII) ermittelt.
„Wer heute liefern will, muss gestern verstehen – und morgen handeln“, bringt es VNL-Obmann Franz Staberhofer auf den Punkt. Ziel des neuen Formats sei es, den Unternehmen der österreichischen Wirtschaft verlässliche Kompass in unsicheren Zeiten zu bieten – und Expert:innenwissen für alle zugänglich zu machen.
Lieferengpässe nehmen wieder zu
Nach einer stabilen Phase gegen Ende 2024 zeigt der aktuelle ASCPI für das erste Quartal 2025 eine Trendwende: Der Index ist um mehr als 30 Prozent gestiegen – ein deutliches Warnsignal. Unternehmen müssen sich also wieder vermehrt auf Lieferengpässe einstellen, so die Einschätzung des Lieferketteninstituts (ASCII), das den Index erhebt. Aktuell zeigt er ein leicht erhöhtes Stressniveau in den internationalen Lieferketten österreichischer Industrieunternehmen.
Straßengüterverkehr: Zollregeln und Fahrermangel drücken aufs System
Die Straße bleibt der sensibelste Verkehrsträger. Neue Zollvorgaben – insbesondere im Handel mit dem Vereinigten Königreich – sorgen für Unsicherheiten in der operativen Abwicklung und der Kostenkalkulation. Staberhofers Empfehlung: „Verfolgen Sie die Zölle punktgenau, stärken Sie Ihre Zollabteilungen und gehen Sie in die direkte Kommunikation.“
Hinzu kommt der chronische Fahrermangel: Trotz wirtschaftlicher Eintrübung bleibt die Personaldecke dünn – EU-weit fehlen rund 20 Prozent der Lenker:innen. Erste politische Maßnahmen wie begleitetes Fahren ab 17 Jahren sind angestoßen, zeigen aber frühestens mittelfristig Wirkung. Zusätzlich verschärfen massive Baustellenprojekte auf der Straße und Schiene – insbesondere zwischen Österreich und Deutschland – die Situation.
Schiene: Kasachstan stottert – Türkei boomt
Im Schienengüterverkehr zeigen sich entgegengesetzte Entwicklungen. Der Mittelkorridor über Kasachstan steckt fest – laut Staberhofer stauen sich aktuell bis zu 40 Züge im kaspischen Fährhafen Aqtau. Seine klare Empfehlung: „Buchen Sie diesen Korridor bis zum Sommer nicht.“
Dafür rückt die Türkei-Achse stärker in den Fokus. Die ÖBB Rail Cargo Group hat ihre Verbindungen ausgebaut: Die Frequenz zwischen der Türkei und Sopron wurde verdoppelt, bestehende Strecken – etwa via Budapest – wurden gestärkt. Der Türkei-Korridor gewinne so als stabile Brücke zwischen Asien und Europa an Bedeutung.
Seefracht: Früher Weihnachtsstress durch Suez-Problematik
Anhaltende Sicherheitsprobleme im Suezkanal und längere Laufzeiten im Roten Meer zwingen Reedereien zur Umplanung. Die Folge: Importvolumen für das Weihnachtsgeschäft werden ungewöhnlich früh geordert – mit massiven Auswirkungen auf Kapazitäten. Die Hochsaison verlagert sich vor – Engpässe im Sommer sind wahrscheinlich. "Sie werden vielleicht noch nicht an Weihnachten denken, aber die Kapazitäten werden jetzt schon besetzt, eben weil mit längeren Laufzeiten und Engpässen gerechnet wird", so Staberhofer.
Luftfracht: E-Commerce unter Zolldruck
In der Luftfracht entspannt sich die Lage zwischen Europa und den USA dank wachsender Kapazitäten im Sommerflugplan – mit zu erwartenden Preissenkungen. "Für die Luftfracht können wir einen Hinweis auf zu erwartende Preissenkungen geben - der Verkehr zwischen USA und Europa steigt, damit gibt es mehr Frachtraum." Ähnlich sei das für den Luftverkehr zwischen Europa und Asien, sagt Staberhofer.
Doch neue Zollrichtlinien bremsen das transkontinentale E-Commerce-Geschäft. Die USA streichen die bisherige 800-Dollar-Freigrenze für China-Importe, auch die EU denkt über strengere Vorgaben nach. „Ein Drittel des Luftfrachtvolumens ist inzwischen E-Commerce-getrieben – das wird deutliche Spuren hinterlassen“, so Staberhofer.