Corona-Krise

Lernen aus der Krise?

Warum Covid-19 kein Testfall für die Resilienz der Supply Chains ist. Andreas Breinbauer über mögliche Lehren für die Logistik – und weshalb er weder an große Lagerbestände noch an Re-Regionalisierung glaubt.

Andreas Breinbauer ist Rektor der FH des BFI Wien und leitet hier auch die Studiengänge „Logistik und Transportmanagement“.

dispo: Herr Breinbauer, der Begriff „Resilienz“ ist in den vergangenen Jahren ein wenig zum Modebegriff verkommen. Mit der Corona-Krise erlebt er nun neue Aktualität. Ist diese Krise geeignet, die Resilienz der Lieferketten zu beurteilen?

Andreas Breinbauer: Nein, das ist kein Testfall für die Resilienz. Die aktuellen Herausforderungen sind extrem komplex und singulär. Es ist zu einem weltweiten Schock sowohl auf Angebots- als auch auf Nachfrage-Seite gekommen. Und ob die Logistik gegen eine solche Entwicklung resilient sein kann, ist stark zu bezweifeln.

Die Pandemie hat es zudem notwendig gemacht, dass die Politik den Primat über alle Felder übernommen hat, vor allem auch über die Wirtschaft, und zwar – leider vorwiegend – auf nationalstaatlicher Ebene. Das sind Rahmenbedingungen, die gegen eine funktionierende Lieferkette im Sinne einer unbeschränkt globalisierten Welt sprechen. Vor allem auch unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit kann man dieses Konzept ja durchaus hinterfragen.

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Erleben wir also gerade das Ende der Globalisierung?

Breinbauer: Nein, das glaube ich natürlich nicht. Aus meiner Sicht wird entscheidend sein, wie stark der Primat der Politik bleibt, der in einigen Bereichen ja auch sinnvoll ist. Derzeit wird das Krisenmanagement vor allem auf nationaler Ebene abgehandelt, sowohl in den USA, als auch in den meisten europäischen und asiatischen Staaten. Sollte das allerdings so bleiben, dann können wir die Globalisierung im herkömmlichen Sinne tatsächlich vergessen, und das hätte natürlich starke Auswirkungen auf die Lieferketten.

Können wir aus dieser Situation lernen? Gibt es Ideen, die Supply Chain fundamental stärker zu machen?

Breinbauer. Ja, da gibt es einige. Auf politischer Ebene sollte man einen Check einführen, wie die Supply Chain für Güter beschaffen ist, die für die Bevölkerung lebensnotwendig sind. Inklusive Überprüfung, was davon in Eigenfertigung beziehungsweise Fremdfertigung erzeugt werden soll. Das wäre für Politiker, nebenbei erwähnt, auch PR-mäßig sehr gut darstellbar.

Auf betrieblicher Ebene geht es in meinen Augen vor allem um die Erweiterung des Risk Managements. Ich vermute übrigens, dass langfristige Kooperationen mit Logistikdienstleistern, so sie in der Krise einen guten Job gemacht haben, eine Renaissance erleben werden.

Man könnte auch vermuten, dass relativ junge Methoden wie der Einsatz von Big Data oder Künstlicher Intelligenz einen Schub erfahren.

Breinbauer: Davon gehe ich aus, aber die Herausforderungen durch die Covid-19-Krise sind so gewaltig und komplex, die gesundheitlichen, wirtschaftlichen und vor allem auch sozialen Auswirkungen sind so weitreichend, dass damit wohl nur ein kleiner Bereich gelöst werden kann. Ich halte es da eher mit Stefan Dräger, dem Chef des Medizintechnik-Konzerns Drägerwerk: Vertrauen und gesunder Menschenverstand sind viel wichtiger.

Kommt jetzt die Renaissance der großen Lagerbestände?

Breinbauer: Kurzfristig mag das so sein, vor allem im Bereich der medizinischen Produkte. Mittel- und langfristig ist das für mich nicht vorstellbar.

Auch über Re-Regionalisierung wird derzeit heftig diskutiert. Ist das hinsichtlich der Supply Chains sinnvoll, oder ist es doch eher eine Art von Romantik?

Breinbauer: Hier gilt für mich das Gleich wie bei den Lagerbeständen: In existenziellen Bereichen wie Medizin-Produkten mag das sinnvoll sein, aber an eine langfristige Entwicklung in Richtung Insourcing und Re-Regionalisierung glaube ich nicht.

Die Verlagerungen der Produktionsstätten aus Mitteleuropa – zunächst in den späten 1990er-Jahren nach Osteuropa, dann in den 2000er-Jahren nach Asien – waren ja nur zum Teil kostenorientiert. In allererster Linie ging es um die Absatzmärkte. Es ist absehbar dass Asien wie schon im Jahr 2009 als Gewinner aus dieser Krise hervorgehen wird. Europäische Unternehmen werden dort wahrscheinlich noch mehr als heute ihren Hauptabsatzmarkt finden und dementsprechend bestimmt nicht ihre Produktionsstandorte zurückfahren.

Ich denke und hoffe aber, dass zumindest das sinnlose ‚Herumfahren‘ von Agrarprodukten auf kontinentaler oder sogar weltweiter Ebene seinen Zenit erreicht hat.