Kommentar von BVL-Geschäftsführer Wolfgang Kubesch : Europa kann auf eigenen Beinen stehen – wenn es endlich den Willen dazu hat

Während die EU primär neue Regulierungen und ehrgeizige Ziele diskutiert, wachsen andere Kontinente dynamisch. China baut seine Produktionskapazitäten aus, die USA investieren massiv in Energiestrukturen und Industrie, Indien etabliert sich zunehmend als globale Fertigungsdrehscheibe. Europa indessen verliert an Wettbewerbsfähigkeit: Unternehmen verlagern Standorte, Lieferketten werden fragiler, hohe Energiekosten und ein komplexes Regelwerk bremsen das Wachstum. Statt Innovation zu ermöglichen und zu fördern, schafft Europa immer neue Vorschriften – und macht auch Investitionen unattraktiv.
Politische Entscheidungen erschweren zusätzlich die wirtschaftliche Entwicklung. Wohlstand entsteht nicht durch Gesetze, sondern durch unternehmerische Freiheit, freie, selbstbewusste Gesellschaften, Investitionen und technologischen Fortschritt. Doch in Brüssel scheint oftmals eine Politikstruktur mit offensichtlich geringer wirtschaftlicher Erfahrung die Agenda zu dominieren. Das Resultat sind immer häufiger gut gemeinte, aber praxisferne Vorgaben, die Unternehmen ausbremsen und Investoren abschrecken. Europa leidet unter einer unberechenbaren Regulierungspolitik: Genehmigungsverfahren ziehen sich über Jahre hin. Ständig verschärfte Vorschriften zwingen Unternehmen zu kostspieligen Anpassungen. Während andere Wirtschaftsräume gezielt Standortvorteile schaffen, behindert Europa sich häufig selbst.
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Hinzu kommt die hohe Abhängigkeit von globalen Lieferketten. Geopolitische Spannungen und steigende Kosten verschärfen die Lage. Wichtige Rohstoffe, Elektronik und Pharmaprodukte stammen fast ausschließlich aus Asien. Besonders hohe Energiekosten und eine schwächelnde Infrastruktur schrecken zusätzlich ab. Die Industrie schrumpft – doch politische Entscheidungsträger ignorieren die vielfältigen Ursachen. Denn ohne nachhaltige Wertschöpfung werden die vergangenen Errungenschaften Europas nicht zukunftsfähig sein. Sowohl die USA als auch China und Indien entfalten eine hierzulande schon schmerzlich vermisste Dynamik – auf vielen Feldern, insbesondere der Ökonomie.
Eine gesamtstrategische Neuausrichtung ist überfällig. Europa muss sich davon verabschieden, zu glauben, dass sich durch das Festlegen von Regeln deren Inhalt automatisch in der Realität manifestiert. Gezielte Anreize könnten europäische Standorte künftig wieder interessanter machen. Ebenso essenziell sind die Modernisierung der intensiv genutzten Infrastruktur und Lieferketten sowie ein verstärkter Autarkie-Ansatz – exemplarisch eine stärkere Unabhängigkeit durch eigene Produktionskapazitäten. Europa braucht auch mehr wirtschaftliche Expertise, unter anderem in der Politik. Ohne tiefgreifende, rasche Reformen droht der Kontinent weiter immanent an Bedeutung zu verlieren – und damit auch seine Wertgefüge. Die Logistik als dynamischer Sektor wird weiterhin gerne ihren innovativen Beitrag zum Gelingen leisten.
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