Transportroboter in der Logistik : Warum der Einsatz autonomer mobiler Roboter oft scheitert

AMR von MiR im Einsatz bei ifm
© ifm

Wo steht die mobile Robotik und wie sind die Zukunftsaussichten der Branche?
Mathias Behounek
Es herrscht große Einigkeit darüber, dass die mobile Robotik in den nächsten Jahren weiter stark wachsen wird. So prognostiziert das Marktforschungsinstitut Interact Analysis, dass der Markt für Transportroboter in den nächsten fünf Jahren trotz der momentan angespannten wirtschaftlichen Lage jährlich um bis zu 40 Prozent wachsen wird. Denn Fachkräftemangel und steigende Produktionskosten zwingen viele Unternehmen, in die Automatisierung ihrer Prozesse zu investieren. Allerdings sind die Erwartungen an die Leistungsfähigkeit mobiler Transportroboter völlig überzogen.

Wie meinen Sie das?

Der Druck auf die Industrie ist unglaublich hoch. Glaubt man den Medien und einigen Herstellern, werden wir in kurzer Zeit große Flotten in nahezu allen intralogistischen Anwendungen sehen. Die Roboter sollen autonom navigieren, Hindernissen ausweichen und keine Abhängigkeiten haben. Es scheint, als könnten sie ohne großen Aufwand in nahezu jedes Layout integriert werden, ohne dass bestehende Prozesse hinterfragt werden müssen. Dieser Eindruck ist falsch und einer der Hauptgründe, warum Projekte mit mobilen Robotern in der Praxis immer wieder scheitern. Um es klar zu sagen: Unsere Branche steht noch ganz am Anfang. Allen Prognosen zum Trotz werden die Stückzahlen in der Breite erst dann steigen, wenn wir es schaffen, AGV-Projekte beherrschbar und erfolgreich zu machen.

Wie in der Factory 56 bei Mercedes Benz? Dort haben Sie mit 500 Robotern die größte Roboterflotte Europas in Betrieb genommen.

Das ist richtig. Die Factory 56 war für uns ein Meilenstein und der Beweis, dass sich große AGV-Flotten in diesem hochkomplexen Umfeld realisieren lassen, wenn man sich auf die wesentlichen Aufgaben fokussiert. Ich denke aber nicht, dass vollautomatisierte Fabriken in absehbarer Zeit Standard sein werden. Aber das Thema ist sexy und kommt deshalb bei Investoren und in der öffentlichen Wahrnehmung gut an. Je weiter man sich in der Intralogistik vom Shopfloor entfernt, desto größer werden die Erwartungen an das Thema. Mit einer realistischen Vorstellung davon, was MTR leisten können, hat das wenig zu tun.

Also zurück zu den Basics?

Das ist unser Ansatz bei Safelog. Man muss sich radikal auf das Wesentliche konzentrieren. Das bedeutet, dass wir nur die Technologie in unsere Roboter integrieren, die man unbedingt braucht, um die Aufgabe zu erledigen. Alles andere ist überflüssig. Im Bereich Automotive haben wir weltweit über 3000 mobile Transportroboter im Einsatz. In vielen Montagewerken und Produktionsanlagen von Zulieferern bringen unsere Roboter Teile ans Band. Aber das war's dann auch schon. Kein Fahrzeug weicht selbstständig aus oder ist mit Sensorik ausgestattet, die es für diese eine Aufgabe nicht braucht. Wir wollen technische Komplexität und damit Fehleranfälligkeit vermeiden. Denn als Familienunternehmen, das nicht von Risikokapitalgebern finanziert ist, sind wir gezwungen heute Lösungen anzubieten, die wir verlässlich liefern können und erfolgreich sind.

Worauf kommt es Ihrer Meinung nach an, damit mobile Roboter den Durchbruch schaffen?

Wir sollten aufhören, Szenarien zu propagieren, die noch in der Zukunft liegen, und uns auf das konzentrieren, was heute möglich ist. Statt immer neue vermeintliche technische Innovationen wie autonomes Navigieren zu feiern, sollten wir uns auf die Kernfrage konzentrieren: Wie kann ich heute mit mobilen Transportrobotern erfolgreich sein? Damit meine ich nicht nur die von den Herstellern eingesetzte Technik. Mindestens genauso wichtig ist das Know-how auf Kundenseite.

Was raten Sie Unternehmen, die über den Einsatz mobiler Roboter nachdenken?

Jedes Unternehmen braucht eine Vision von dem, was es erreichen will, um für sich ein Ziel zu definieren. Geht es um Einsparmaßnahmen, ergonomische Verbesserung oder die Prozessoptimierung? Ohne konkrete Zielsetzung ist es für uns als Hersteller schwierig, den Weg zu beschreiben, um dieses Ziel zu erreichen. Dazu gehört auch, zu wissen welche Prozesse sich für eine Automatisierung eignen, welche Voraussetzungen mein Lager mitbringen muss, wie die Verkehre gesteuert werden usw. Der Aufbau von internem Wissen ist also von zentraler Bedeutung. Nur so kann eine Vorstellung davon entstehen, was die Technologie leisten soll, welche Ziele realistisch sind und wie der Weg dorthin gemanagt werden kann. Im Idealfall ist die mobile Robotik ein Thema für die Standardisierung. Es geht darum, die Spielregeln zu definieren, das Spielfeld zur Verfügung zu stellen, aber auch Schiedsrichter zu sein.
In vielen Fällen beginnt man am besten mit einem kleinen Projekt, um Erfahrungen zu sammeln. Die große Vollautomatisierung mit Transportrobotern wird ad hoc nicht funktionieren. Denn ohne Vorwissen und Erfahrung sind sowohl die Mitarbeiter als auch die Strukturen schnell überfordert. Wenn das gelingt sich diese Kenntnisse anzueignen, wird die mobile Robotik viele Unternehmen noch erfolgreicher machen.

„Wir sind mit der mobilen Robotik noch ganz am Anfang“

Auch Victor Splittgerber, der mit seinem Unternehmen Waku Robotics Unternehmen beim Einsatz von mobiler Robotik berät, schlägt in eine ähnliche Kerbe: "Wir agieren in einem Markt, der stark im Wandel ist, und bei dem auch viele Vorhersagen gar nicht so eingetroffen sind. Etwa beim Thema Mixed Fleets oder Interoperability sind Marktstudien davon ausgegangen, dass die Adaption von mobilen Robotern in vielen Unternehmen schneller geht."

Zwar wäre die Nachfrage nach Lagerautomatisierung während der Corona-Pandemie sehr hoch gewesen, gleichzeitig haben Covid und die Wirtschaftskrise dafür gesorgt, dass viele Projekte aufgeschoben wurden. "Es ist ein Markt, der im Wandel ist, und auch einer, in dem so viele Herausforderungen bestehen. Es gibt auf der einen Seite die Unternehmen, die gerne automatisieren möchten, weil sie keine Mitarbeitenden finden. Und es gibt die Anbieter mit ihren Lösungen. Die Realität aber ist, dass sehr wenige Unternehmen Automatisierung einsetzen", so Splittgerber gegenüber dispo.

Man könnte, vor allem, wenn man sich etwa eine Messe wie die Logimat ansehe, denken, dass die Robotik viel weiter sei, als es tatsächlich Realität ist. "Wenn man in ein zufällig gewähltes Lager geht, findet man wenig bis keine Robotik, da fahren Gabelstapler oder Förderbänder. Das zeigt, dass wir wirklich ganz am Anfang sind", meint der Waku-CEO.