Logistik-Ausbildung : Wie Logistik-Wissen heute vermittelt wird

Mann mit VR-Brille
© Midjourney / KI generiert

Logistik bewegt sich in einem ewigen Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Zielerreichung und ökologischer Verantwortung - und befindet sich gleichzeitig im stetigen Wandel. Digitalisierung, Nachhaltigkeit und neue Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI) verändern das Berufsbild und die Anforderungen an Fachkräfte – sofern sie überhaupt gefunden werden. Daher ist es umso wichtiger, auch die Ausbildung in diesem Bereich praxisnah und innovativ zu gestalten – sowohl in Unternehmen, als auch in Bildungseinrichtungen – nicht nur, um den Wandel aktiv mitzugestalten, sondern auch, um Menschen für diesen Berufszweig zu begeistern.

Pionierarbeit in der schulischen Ausbildung

Die Vienna Business School (VBS) Akademiestraße bietet mit dem Schuljahr 2025/26 eine neue Schulklasse an, die die Bildungsangebote der Handelsakademie mit einem umfassenden Ausbildungspaket für die Logistikbranche verbinden soll. „Wir stellen an uns selbst den Anspruch, die österreichweit umfassendste Schulausbildung im Bereich Logistik anzubieten“, erklärt Direktorin Evelyn Meyer.

Die VBS Akademiestraße bietet seit einigen Jahren im Aufbaulehrgang den Ausbildungsschwerpunkt Logistikmanagement an, außerdem gibt es die Möglichkeit, Logistik als Freifach zu wählen. Aufgrund der hohen Nachfrage sei der Plan entstanden, auch für HAK-Schülerinnen und -Schüler eine Möglichkeit der Spezialisierung auf Logistik zu entwickeln.

Die ersten beiden Jahrgänge konzentrieren sich auf Praxis-Logistik, während im dritten Jahrgang Fachenglisch für Logistik und wissenschaftlich fundiertes Logistikmanagement hinzukommen. Ab dem vierten Jahrgang wird zusätzlich Enterprise Resource Planning (ERP) als Thema behandelt. Logistikmanagement als Schwerpunktgegenstand setzt zusätzlich auf die wissenschaftliche Herangehensweise, die unterschiedlichen Theorieansätze mit einbezieht – damit der nahtlose Übergang zur Fachhochschule und Universität gelingen kann. 

„Das Thema Logistik durchdringt den gesamten Unterricht“, erklärt Lehrerin Mag. Tanja Sima, die maßgeblich an der Entwicklung der Logistik-HAK beteiligt war.  „So erlangen die Schülerinnen und Schüler breites Basiswissen. Insgesamt werden im Rahmen der HAK-Ausbildung rund 20 Gegenstände unterrichtet, in denen die Logistik jeweils ihren Platz erhält.“

Neben klassischen Wirtschaftsfächern wie Wirtschaftsgeographie, wo Standortpolitik und Rohstoffökonomie im Fokus stehen, spielen auch naturwissenschaftliche Themen wie Elektromobilität und Stoffkreisläufe eine zentrale Rolle. Selbst Ethik und Religion greifen logistische Fragestellungen auf, etwa durch die Organisation einer mehrtägigen Gruppenreise. „Die Schüler erleben dabei die praktischen Herausforderungen der Logistik hautnah“, so Sima.

Davor Sertic, Obmann der Sparte Transport und Verkehr in der Wirtschaftskammer Wien, Evelyn Meyer, Direktorin der Vienna Business School Akademiestraße, und Tanja Sima, Lehrerin an der VBS, mit Schülern.

- © Florian Wieser

Praxisnähe durch Kooperation mit der Wirtschaft

Die Zusammenarbeit mit der Sparte Transport und Verkehr der Wirtschaftskammer Wien soll dabei eine praxisnahe Ausbildung garantieren. „Logistik ist eine absolute Wachstumsbranche“, betont Davor Sertic, Obmann der Sparte. „In den vergangenen zehn Jahren ist in Wien die Zahl der Spediteure um 25 Prozent gestiegen. Die neue Logistik-HAK sorgt dafür, dass Unternehmen dringend benötigte Fachkräfte finden und junge Menschen hervorragende Karrierechancen erhalten.“

Praktika, Workshops und Exkursionen gehören zum fixen Bestandteil der Ausbildung. Zudem haben die Schüler die Möglichkeit, Zusatzzertifikate zu erwerben, etwa im Bereich Zollabfertigung. „Diese Zusatzqualifikationen sind ein echter Vorteil für den Berufsstart“, so Sertic.

Außerdem verpflichten sich die Schüler und Schülerinnen, im Fach Logistikmanagement zur mündlichen Matura anzutreten. Mit der Reife- und Diplomprüfung erwerben sie gleichzeitig die Berufsberechtigung als Speditionskaufleute. „Damit stehen ihnen sowohl die Berufswelt als auch Universitäten und Fachhochschulen offen“, so die Direktorin Evelyn Meyer.

„Wir stellen an uns selbst den Anspruch, die österreichweit umfassendste Schulausbildung im Bereich Logistik anzubieten.“
VBS-Direktorin Evelyn Meyer

FH Oberösterreich startet zweisprachiges Logistik-Studium

Ab Herbst 2025 erweitert der FH OÖ Campus Steyr das Angebot des Bachelorstudiums „Internationales Logistik-Management“ und bietet das Programm nun auch in englischer Sprache an. So verstärkt der Studiengang seine internationale Ausrichtung, kann Studierende aus aller Welt ansprechen was wiederum und die Möglichkeit eröffnet, internationale Talente als potenzielle zukünftige Fachkräfte für Oberösterreich auszubilden und zu gewinnen.

„Die Möglichkeit, in mehreren Sprachen zu agieren, ist ein unschätzbarer Vorteil in der global vernetzten Wirtschaft“, erklärt Studiengangsleiter Oliver Schauer. „Mit der Option, das Studium auf Deutsch oder Englisch zu absolvieren, rüsten wir unsere Absolventen optimal für die Herausforderungen internationaler Karrieren." 

Dadurch könnten eben auch Studierende ohne Deutschkenntnisse in Steyr studieren, nebenbei erlernen sie während des Studiums die deutsche Sprache. Das ermögliche ihnen, das Studium in Deutsch abzuschließen und sich "für anspruchsvolle Tätigkeiten in der Logistik innerhalb Österreichs zu qualifizieren. So bilden wir stark gesuchte Fachkräfte für die heimische Wirtschaft aus", so der Studiengangsleiter.

„Diese strategische Erweiterung unseres Studienangebots auf drei englischsprachige wirtschaftliche Studiengänge am FH OÖ Campus Steyr bietet sowohl inländischen als auch internationalen Studierenden mehr Auswahlmöglichkeiten und bereitet sie ideal auf eine internationale Karriere vor. Das Studium Internationales Logistik-Management ist das erste Studium an der FH Oberösterreich, dass in Deutsch und Englisch angeboten wird“, ergänzt Dekan Heimo Losbichler.

FH-OÖ-Studiengangsleiter Oliver Schauer
„Die Möglichkeit, in mehreren Sprachen zu agieren, ist ein unschätzbarer Vorteil in der global vernetzten Wirtschaft“, erklärt Studiengangsleiter Oliver Schauer - © FH Oberösterreich

Dachser: Flexible Ausbildung für individuelle Karrieren

Auch bei Dachser soll die Ausbildung Theorie und Praxis bestmöglich verbinden und vor allem bei der Lehrlingsausbildung alle Türen offenhalten. „Wir haben vor allem versucht, ein durchlässiges System zu kreieren, das, egal welcher Bildungsweg vorangegangen ist, modular ist“, erklärt Ausbildungsleiterin Anja Schlesinger.

Dachser bietet die klassische dreijährige Lehre für Speditionskaufleute, BetriebslogistikerInnen oder BerufskraftfahrerInnen nach dem neunten Schuljahr. Wer eine Lehre in der Betriebslogistik oder als Speditionskaufmann oder -frau absolviert hat, kann bei Dachser eine Doppellehre absolvieren und ein viertes Lehrjahr zum Speditionslogistiker anschließen. „Das ist quasi die intelligente Schnittmenge aus beiden Lehrberufen. Da ist der große Vorteil, dass man, wenn man die Matura hat, in drei Jahren drei Berufe abschließen kann – das macht sich toll im Lebenslauf“, erklärt Schlesinger. 

>>> Hier gibt es das gesamte Gespräch mit Anja Schlesinger über Aus- und Weiterbildung bei Dachser - inklusive einem Kurz-Interview mit Lehrling Aleks

Fokus auf Werte und langfristige Mitarbeiterbindung

Dachser legt großen Wert darauf, dass die Auszubildenden nicht nur fachlich, sondern auch persönlich ins Unternehmen passen. „Wir führen intensive Gespräche und achten darauf, welche Werte den Kandidaten mitgegeben wurden“, sagt Schlesinger. Diese Philosophie zahlt sich aus: „Die meisten unserer Mitarbeiter sind ehemalige Lehrlinge. Wir decken etwa 80 Prozent unseres Personalbedarfs durch eigens ausgebildete Fachkräfte.“

Zusätzlich engagiert sich Dachser in Volksschulen, Polytechnischen Schulen und Handelsakademien, um junge Menschen frühzeitig für die Logistik zu begeistern. „Wir wollen den Schülern zeigen, welche Bedeutung Logistik im Alltag hat und welche spannenden Berufsfelder es gibt“, erklärt Schlesinger. Man brauche im Gegensatz zu Berufen wie Friseur, oder Mechaniker länger, um die Berufsbilder verständlich zu machen. „Deshalb ist es gut, Schüler und Schülerinnen in den LKW oder ins Büro zu holen oder zu erklären, dass wir dafür sorgen, dass im Lebensmittelregal keine Gummistiefel stehen oder umgekehrt“, erklärt die Ausbildungsleiterin.

Grundsätzlich sei Dachser immer sehr offen gewesen, Neues auszuprobieren. Man habe sukzessive mit überbetrieblichen Lehrausbildungen mit unterschiedlichsten Konzepten begonnen und erst das nächste Projekt gestartet, wenn etwas in einer Saison gut geklappt habe. Auch das Arbeitsmarktservice AMS sei ein toller Sparring-Partner, hier gebe es unterschiedliche Konzepte, bei denen Kandidaten - mit meist eher verkürzten Modellen - bei Dachser eine Ausbildung absolvieren. Gerade bei der Berufskraftfahrerausbildung setze Dachser gerne auf diese alternativen Konzepte wegen des Mindestalters. 

Und auch mit der Polytechnischen Schule besteht eine langjährige Kooperation, "die für beide Seiten sehr fruchtbar ist", so Schlesinger: "Die Schule profitiert davon, dass die Schüler hier Praxiserfahrung sammeln und mit Betrieben und Kollegen in Kontakt kommen. Für uns ist es günstig, die Kandidaten über mehrere Monate näher kennenzulernen und eben das Thema der Werte genauer betrachten zu können", erklärt Anja Schlesinger.

Dachser-Ausbildungsleiterin Anja Schlesinger
„Es gibt Basics und Spezialisierungen – modular aufgebaut, je nachdem, was die Kandidaten interessiert bzw. worauf sie sich spezialisieren möchten“, erkärt Dachser-Ausbildungsleiterin Anja Schlesinger. - © Dachser

Vormachen und Anpacken gehören zum Job des oder der Transit Terminal Trainers bei Dachser.

- © Stefan Gergely

Innovationen in der Ausbildung

Um den Anforderungen der Zukunft gerecht zu werden, entwickelt Dachser seine Ausbildungsmodelle ständig weiter. "Grundsätzlich wollen wir den klassischen Abteilungsrundlauf modularer aufbauen und “Business Capabilities”, also Grundfähigkeiten, die das Unternehmen braucht, vermitteln und erkennen, in welchen Abteilungen ich sie lernen kann und wie lange ich vermutlich dafür brauchen werde. Ich gehe quasi mit einem Paket an Forschungsthemen in die Abteilung und habe einige acht Tage Zeit, um sie zu erlernen, bevor ich die Abteilung wechsle. So kommen die Kandidaten häufiger in jede Abteilung, aber immer mit anderen Forschungsthemen. Da sind wir gerade am Ausprobieren. Es gibt viele Tätigkeiten, die wir heute häufiger machen als in fünf Jahren. Denken wir etwa an Bots oder Prozessautomation, wo ein angelernter Algorithmus repetitive Tätigkeiten übernimmt. Das berücksichtigen wir natürlich in neuen Ausbildungskonzepten“, erklärt Schlesinger. Ein weiterer nicht unerheblicher Punkt ist Elektromobilität in der Berufskraftfahrer-Ausbildung, das man in der Lehre berücksichtigen müsse.

TÜV Austria: Weiterbildung für die Logistik von morgen

Elektromobilität ist auch bei der TÜV Austria Akademie ein wichtiges Stichwort – vor allem was den Einsatz neuer Technologien betrifft. Denn der Aus- und Weiterbildungsanbieter setzt dafür VR-Brillen ein, erklärt Katharina Turecek, Programmverantwortliche bei der TÜV Austria Akademie. „Ich komme ursprünglich aus der angewandten Gehirnforschung und habe mich da schon mit der Frage beschäftigt, wie man Fähigkeiten und Fertigkeiten zielführend vermitteln kann. Gerade in der berufsbegleiteten Erwachsenenbildung geht es nicht nur darum, Wissen, Daten und Fakten zu vermitteln, sondern wir wollen letztlich, dass unsere KursteilnehmerInnen nachher etwas können, oder irgendetwas anders machen als vorher. Virtual Reality eignet sich, um zusätzliche Übungsmöglichkeiten und eine sichere Übungsumgebung zu schaffen, und zwar in Situationen, in der ansonsten keinerlei Sicherheit garantiert wäre.“

Die VR-Brille kommt bei der Hochvolt-Ausbildung zum Zug, in der es um das sichere Arbeiten an Elektrofahrzeugen geht. „Wir trainieren am tatsächlichen Fahrzeug und auch in virtueller Realität an Hochvoltsystemen“, so Turecek.

>>> Hier finden Sie das gesamte Gespräch mit Katharina Turecek: "Unsere Stärke sind Seminare mit Spezialisierungen"

Katharina Turecek verantwortet die Ausbildungsprogramme bei TÜV Austria Akademie.
Katharina Turecek entwickelt neue Ausbildungsprogramme bei TÜV Austria Akademie. - © TÜV Austria Akademie

„Virtual Reality eignet sich, um zusätzliche Übungsmöglichkeiten und eine sichere Übungsumgebung zu schaffen, und zwar in Situationen, in der ansonsten keinerlei Sicherheit garantiert wäre", erklärt Katharina Turecek, Programmverantwortliche bei TÜV Austria Akademie.

- © TÜV Austria Akademie

Ausbildungen zu selbstfahrenden Autos als Zukunft bei TÜV Austria Akademie

Grundsätzlich seien die Stärke der Akademie Seminare mit Spezialisierungen, „etwa die zur Lieferantenbewertung, zur nachhaltigen Beschaffung oder, recht neu, zu IFS Logistics, sprich zur Lebensmittel-Logistik. Außerdem bieten wir noch eine Informationsveranstaltung zur Sorgfaltspflicht entlang der Lieferkette an – Stichwort EU-Lieferkettengesetz.“

Außerdem biete man eine Grundausbildung zur zertifizierten Lagerfachkraft, in der klassische Lagerthemen behandelt werden, angefangen vom Wareneingang bis zur innerbetrieblichen Lagerlogistik. „Wir bieten auch eine eintägige Grundausbildung für Supply Chain Management. Die ist sehr breit aufgestellt, um auch Menschen anzusprechen, die nichts mit Lager oder Einkauf zu tun haben und sich trotzdem für Lieferketten-Management interessieren. Im zertifizierten Bereich haben wir außerdem eine wirklich spannende Ausbildung, ein Upgrade zu einem Lieferanten-Auditor. Voraussetzung ist jedoch eine Auditoren-Grundausbildung“, so die Programmverantwortliche.

Für die Zukunft sehe man das Thema selbstfahrende Fahrzeuge stark im Kommen, zumindest auf Unternehmensgrundstücken. „Wir vermuten, dass es einen Ausbildungsbedarf für jene Personen geben wird, die diese Fahrzeuge aus der Entfernung steuern, sowohl am Boden, als auch in der Luft – Stichwort Drohnentransport.“