Schienengüterverkehr : Warum Ex-Kanzler Christian Kern nur Eisenbahnen von Siemens kauft

Tanja Kienegger von Siemens und Christian Kern von ELL
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Der österreichische Masterplan Güterverkehr sieht vor, den Anteil des Schienengüterverkehrs am Gesamtgüterverkehr bis 2040 von aktuell 31 auf 40 Prozent zu steigern. Die aktuellsten Zahlen allerdings zeigen, dass 2022 um ein Prozent weniger auf der Schiene transportiert wurde als im Jahr zuvor. In Europa stagniert der Wert bei etwa 17 Prozent.

Trotzdem sieht Christian Kern, seit 2021 CEO des Eisenbahn-Leasing-Unternehmens European Locomotive Leasing (ELL), großes Wachstum für sein Unternehmen in diesem Markt und bestellt bei Siemens Mobility weitere Vectron-Loks für seine Flotte. Vergangenen Herbst hat ELL Lokomotiven des Typs Vectron im Wert von etwa einer Milliarde Euro bestellt, um die Flotte auf bis zu 400 Loks zu erweitern. Bis 2027 will das Unternehmen weitere 50 Millionen Euro in Lokomotiven dieses Typs investieren - dann soll die Flotte von heute 222 auf 300 Vectron-Loks wachsen.

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ELL sitzt in Luxenburg und befindet sich im Mehrheitseigentum des Versicherers AXA und der Credit Agricole/Predica und ist nach eigenen Angaben die Nummer 4 am Markt, was Marktanteile betrifft – allerdings an der Spitze, wenn es um die Flotte geht: ELL besitze die größte Vectron-Flotte „der Welt“, so Kern. Durch die Eigentumsverhältnisse sei der Zugang zu Kapitalmärkten einfacher, das helfe bei der Weiterentwicklung bei der Technologie. Man verfüge über keine Assets, die elektrifiziert sind, so Kern. „Wir verfolgen eine strikte No-Diesel- und eine konsequente Zero-Emission-Strategie. Unsere wichtigsten Assets sind eine fokussierte Flottenpolitik und ein umfassendes Servicenetzwerk. Die Entwicklungspartnerschaft mit Siemens und die Konzentration auf einen einheitlichen Loktyp sind für uns ein wichtiger Baustein, um sich in diesem Markt erfolgreich zu behaupten.“

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Lokomotiven-Leasing als Wachstumsfeld

Hinter dem erwarteten Wachstum stünden Treiber wie der Green Deal, ESG-Trends und Wachstum in den wichtigsten Märkten, so Christian Kern bei der symbolischen Übergabe der 222. Vectron-Lok von Siemens Mobility an ELL. "Die Schiene ist kritische Infrastruktur, die von der starken EU-Unterstützung für die Verlagerung von der Straße auf die Schiene und die Deregulierung profitiert." Man sehe außerdem eine starke Entwicklung der grenzüberschreitenden Frachtströme in ganz Europa, die durch die Entwicklung des europäischen Eisenbahnverkehrsleitsystems ERTMS begünstigt werde. Es wurde durch die Europäische Kommission als Standard für einen interoperablen Eisenbahnverkehr in der Europa eingeführt und gewährleiste die Homogenisierung der europäischen Korridore und insbesondere der Nord-/Süd-/Südost-Korridore, was weitere Wachstumsmöglichkeiten biete.

Außerdem würden private Betreiber, die generell einen höheren Leasinganteil haben, Marktanteile gegenüber staatlichen Unternehmen gewinnen. Das zeigt eine Statistik der Schienen Control: Im Vergleichszeitraum von 2012 bis 2022 nehmen die Marktanteile der privaten Eisenbahnverkehrsunternehmen sowohl betreffend das Güteraufkommen (Nettotonnen) als auch die Nettoverkehrsleistung (Nettotonnenkilometer) stetig zu.

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Im Jahr 2022 steigt der Marktanteil beim Güteraufkommen um 1,3 und bei der Nettoverkehrsleistung um 2,6 Prozentpunkte. Der Marktanteil wuchs insgesamt von 39,6 auf 40,9 Prozent, sein Anteil der Verkehrsleistung (Nettotonnenkilometer) erhöhte sich von 36,6 auf 39,2 Prozent. Zu den größten privaten Eisenbahnverkehrsunternehmen gehören Lokomotion, Cargo Service, Ecco-Rail, TX Logistik Transalpine und Wiener Lokalbahnen Cargo. Insgesamt sind in Österreich 56 Eisenbahn-Verkehrsunternehmen (EVU) im Güterverkehr und davon zwölf zusätzlich im Personen- und Güterverkehr tätig. Insgesamt hat ELL hat etwa 40 Kunden in 18 Ländern.

Auch der Erneuerungsbedarf bei Lokomotiven sei groß, so Christian Kern. Demnach sind mindestens die Hälfte der Lokomotiven in Kontinentaleuropa 30 Jahre oder älter, sodass hoher Ersatzbedarf besteht. Dadurch seien sie nicht an die neuen Sicherheits- und Umweltstandards angepasst und würden in einigen europäischen Ländern erhebliche Investitionen erfordern, um weiter betrieben werden zu können.

Insgesamt erfolge die Nutzung losgelöst von eigenen Fahrzeugbeschaffungsprogrammen. So würden insbesondere im grenzüberschreitenden Verkehr neue Angebote erstellt, wodurch das verfügbare Angebot leistungsfähiger Transportlösungen auf der Schiene steige.

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Wichtig am Geschäft sei es aber vor allem, die Komplexität zu reduzieren, erklärte der Ex-Kanzler. Denn früher sei das Eisenbahn-Geschäft ein "Heavy-Metal"-Geschäft gewesen, heute sei es sehr Software-getrieben. Daran würden auch viele Unternehmen scheitern, erklärte Kern mit Verweis auf Bombardier. Die kontinentaleuropäischen Schienennetzsysteme seien komplex, und erfordern umfassendes Know-how und flexible Flotten für den Betrieb in ganz Europa, so Kern. „Die Bahn ist technisch und kommerziell komplexes Geschäftsmodell. Wir machen es für unsere Kunden einfach. Die konsequente Ausrichtung auf eine Lok-Plattform erlaubt maximale Effizienz und Zuverlässigkeit."